Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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schen „Tag" hielte. Ich halte ihn
trotz allen Eitelkeitsmarktes immer
noch für eine der zweckmäßigsten
Zeitungsgründungen des letzten
Iahrzehntes. Aber meinem „Ideal"
einer Zeitung entspricht er erstens
nicht, weil seine „Parteilosigkeit"
ihre vorsichtigen Grenzen hat: einen
Sozialdemokraten z. B. läßt er
nicht bei sich sprechen, und doch
ist der Sozialdemokrat meiner Mei-
nung nach „auch ein Mensch, so zu -
sagen", und zwar einer, über den
gründlich Bescheid zu wissen, sehr
in unserm Interesse liegt. Zwei-
tens nicht, weil die Redaktion des
„Zags" als solche keine eigene poli-
tische Amsicht vertritt. Denn ich
glaube: uns fehlen im politischen
Leben nicht sogenannte „unpartei-
ische" Blätter, sondern solche, die mit
aller Energie die Aberzeugung der
politischen Kreise verfechten, deren
Organ sie sind, zugleich aber die
andern Kräfte im richtigen, nicht
nur im Zerr-Spiegel zeigen. Kenne
ich den Gegner nur aus Karika-
turen, so kenne ich ihn ja nur in
seinen Schwächen. Wie aber soll
ich hoffen, mit ihm fertig zu wer-
den, wenn ich ihn nicht auch in
seinen Stärken kenne? A

jvj Die Meisterfresser von Niirn-
berg

Es klingt ja etwas despektierlich,
wenn man's so liest: die „Fresser",
aber es kann wohl nicht beleidigend
sein, denn der Ausdruck ist Selbst-
einschätzung. Nach dem neuesten
Nürnberger Adreßbuch nämlich gibt
es dort als eingetragene gesellige
Vereine neben einem Schmausver-
ein und vier Eßvereinen noch 52
— schreibe fünfzig und zwei —
Freß-Gesellschasten, Freß-Vereine,
Freß-Klubs usw. Die meisten sind
nach der Stadtgegend benannt, aber
manche haben auch noch sehr schöne
Sondernamen, z. B.: Freßverein
„Bis er platzt", Freßverein „Die
Affen", Freßverein „Hau di o",
Freßverein „Nimmersatt", Freß-
verein „Tou de gout" (Tu dir
gut), Freßverein „Unaufhörlich",
Freßverein „Viecherei". Daseins-
zweck der Freßvereine ist, so lange
Geld zu sammeln, bis ein ordent-
liches Fressen gehalten werden kann.
Nicht zu ersehen ist nur, ob man
alsdann in der Stadt der alten ästhe-
tischen Kultur zu Ehren Dürers nnd
Vischers, Hans Sachsens und Pirck-
heimers oder ihrer würdigen Nach-
fahren im heutigen Nürnberg frißt.

Ansre Bilder und NoLen

Die wertvollste Bildbeigabe dieses Heftes ist seine äußerlich beschei-
denste: die Reproduktion des Selbstbildnisses von Hans, Grafen von
Veltheim. Das einzige Bildnis des „Verschollenen", das sich erhalten
hat, wie unser Neudruck seiner Dichtung nach dem einzigen erhaltenen
Exemplare hergestellt worden ist!

Dem Hefte vorgesetzt ist der farbige Druck nach einem großen Ge-
mälde von Gustav Kampmann, das für uns zu den schönsten Land-
schastsbildern der letzten Iahre gehört. Die Mängel der unsrer Äber-
zeugung nach jetzt weit überschätzten Viersarbendruck-Autotypie zeigt leider
anch sie: die Farbenflächen stehn im Originale weit seiner gegeneinander,
als wiederzugeben dem Drucker gelungen ist. Dennoch wird auch vor der
Reproduktion noch, so hoffen wir, eine besondre Freude empfinden, wer
Bilder nicht bloß als Schilderung irgend eines „Stoffes" zu genießen ver-
mag. Was hier aus „Gegenständen" zu sehn ist — ein Wiesenhang, Büsche,
ein Tal und ein Höhenzng — ist ja nicht einmal deutlich zu sehn,

2. Aprilheft (907

N9
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