Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Literatur

die so gern in einsarnen Stunden der Nacht an denkende Menschenkinder
herantritt — die Wehmut. Er erhebt sich von seinem Lager, schreitet
hinaus auf den Grat, setzt sich auf die Bank unter dem großen Kirsch-
baum und schaut den Sternen zu, wie sie ihren Lauf machen am Himmels-
zelt, und denkt an das uferlose, zeitlose Land der Ewigkeit, das hinter
jenen Sternen wohnt.

Dazu hört er vom Nilwald her die Lannen flüstern im Nachtwind,
hört die Turmuhren schlagen von Hasle und von Zell herauf oder vom
Reichstal herunter, je nachdem der Wind weht, und hört die Kinzig
ranschen in dunkler Ferne.

Nnd wenn das Sternbild des „Herrenwagens" drüben über der
Ruine Geroldseck steht, weiß er, daß es dem Morgen zugeht und daß die
Sonne bald ihre ersten, blassen Lichter über den Nilkopf wirft.

Er erhebt sich, dem Hof zu. Es ist ihm wieder leicht geworden in
der kühlen Nachtluft, und wenn die andern daheim aufstehen, sucht er
noch einmal den Schlaf auf. sMus „Bauernblut", S. 200—205sj

Wilhelm Naabe — und Mer
ihn versteht

Als ich f885, damals noch Stu-
dent, in der Deutschen Literatur-
Zeitung „Pfisters Mühle" sehr
warm angezeigt hatte, schrieb mir
Wilhelm Raabe, er freue sich dar-
über um so mehr, als fast alle
andern Preßstimmen das Werk als
„ein Erzeugnis der gewöhnlichen
Buchmache" bezeichnet hätten. Ich
war damals Hauslehrer bei einem
nach Berlin kommandierten Major
vom f. Garderegiment, einem (zu
bald verstorbenen) herrlichen Mann
voller Leben und Feuer, menschen-
freundlich und gütig, dabei auch
für Kunst und Dichtung interessiert.
Aber „Pfisters Mühle^ las er nicht
zn Ende, er legte das Buch un-
willig beiseite und begriff nicht,
wie ich es so sehr habe loben kön-
nen. Die Menschen darin seien so
gewöhnlich und roh, die Sprache
oft so derb nnd niedrig, Stil und
Erzählung ohne Zucht und Ord-
nung hin und her schweifend usw.
Woher dieses Urteil? Der vor-
treffliche Mann verkehrte nur in
seinen hochadeligen militärischen

Kreisen, mit Prinzen und Prinzes-
sinnen und am Hofe. Aberall sah
er straffe Zucht, festes Zeremoniell,
hörte er eine gemefsene Sprache.
And wenn er auch einmal von
der Tafelrunde des „roten Prinzen"
ein derberes Wort mitbrachte, —
mit den „Niederen", zu denen er
stets freundlich war, wirklich zu
verkehren und sie näher kennen zu
lernen, in die Volksseele zu blicken,
wie sie in ihrem freien Sich-
gehenlassen das tiefste Menschen-
wesen enthüllt — das war ihm
seines Standes wegen nicht möglich,
nicht vergönnt. In wieviel höherem
Grade noch ist dies der Fall beim
Kaiser? Seine Stellung gegenüber
Wilhelm Raabe ist darum begreif-
lich, und begreiflich ist es auch,
daß ihm nicht klar sein kann, wie
er gar nicht in der Lage ist, über
Wilhelm Raabe zu nrteilen. Goethe
rühmt einmal die Außerung eines
Engländers, haß über Lord Bhron
eigentlich nur dessen Standesgenos-
sen urteilen könnten. So kann auch
Raabe nur verstanden werden von
Standesgenossen, das heißt von
den Gebildeten, die durch keine

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