Bernoulli, Johann Jacob
Römische Ikonographie (Band 1): Die Bildnisse berühmter Römer — Stuttgart, 1882

Seite: 187
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bernoulli1882/0199
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
M. Brutus, 187

Marcus Brutus.

(Tafel XIX. Münztaf. III. 75—79.)

M. Junius Brutus, geboren im Jahre 85 v. Chr., rühmte sich
väterlicherseits von dem Gründer der Republik, durch seine Mutter
Servilia von Servilius Ahala abzustammen, also beidseitig von Tyrannen-
feinden. Indes war seine Familie plebeisch. Bis zum Ausbruch des
Bürgerkriegs (49), d. h. bis zu seinem 36. Lebensjahre spielte er keine
hervorragende Rolle. Man erwartete, dass er sich für Caesar er-
klären werde, da er Ursache hatte, dem Pompejus zu grollen, wäh-
rend er umgekehrt Caesar zu Dank verpflichtet war. Allein die po-
litischen Grundsätze giengen bei ihm vor, der Neffe Cato's durfte sich
nicht an den Feind der Republik auschliessen; er folgte dem Pom-
pejus nach Griechenland. Nach der Schlacht bei Pharsalus von Caesar
begnadigt, machte er seinen Frieden mit dem Dictator und empfieng
sogar durch ihn die Verwaltung des cisalpinischen Galliens und im
Jahre 44 die städtische Praetur. Aber noch in demselben Jahre bil-
dete sich unter Cassius die Verschwörung. Brutus ward Teilnehmer
und Haupt derselben und befleckte seinen Dolch mit Caesars Blut.
Zwei Jahre darauf, 43jährig, gab er sich bei Philippi den Tod.

Brutus war von einnehmenden Sitten und von sanfter Gemütsart,
ein für seine Zeit reiner und, wie er selbst wohl glaubte, nach Tu-
gend und Gerechtigkeit strebender, aber im Grunde doch eitler und
harter Charakter; geistig von einem ziemlich beschränkten Gesichts-
kreis, ohne psychologischen und politischen Scharfblick, ein Enthu-
siast, der sich mehr von seiner Phantasie als von seinem Verstände
und von seinem Herzen leiten Hess'.

Nicht ganz unwichtig für die Ikonographie des Brutus ist die
Notiz, die sich bei Lucan findet2, dass er sich wie Cato seit dem

1 Genaueres in Beziehung auf seinen Charakter s. bei Drumann Gesch.
Roms IV. p. 34 ff.

2 Luc. Phars. II. 372—376.:

Ille nee hnrrificam saneto dimovit ab ore
Gaesariem, duroque admisit rjaudia vultu:
Ut primum tolli feralia viderat arma,
Intonsos rigidam in frontem descendere canos
Passus erat moestamque genis increscere barbam.
loading ...