Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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Goethes: „Denn was innen, das ist außen." Und für die Kunst gilt das natürlich
auch, denn die künstlerische Form ist ja nichts, was zum inneren Leben, zum „Gehalt"
eines Kunstwerks noch hinzukommt, sondern dieses Leben, dieser „Gehalt" selbst.
Sie haben sehr recht: Jede kleinste Verschiebung der Bedingungen des Gestaltungs-
prozesses hat eine Änderung der Form zur Folge. Aber das beweist ja gerade die
unlösbare Verbindung der beiden Faktoren. Ich weiß wohl, Sie meinen mit dem
Worte „Form" etwas anderes. Sie denken an den Mißbrauch, der weniger mit dem
Worte als mit der Form selbst seit langem getrieben wurde und immer noch getrieben
wird. Es ist ja leider richtig, daß die Zeit des „Formenschatzes" immer noch nicht
ganz der Vergangenheit angehört, daß es immer noch so etwas gibt wie die äußer-
liche Anwendung von Formen, die nicht an der Stelle, wo sie verwendet werden,
gewachsen, sondern als lebloses Präparat von irgendwo anders her übertragen sind.
Wenn Sie gegen diesen Formbegriff ankämpfen, so linden Sic mich, wie ich Ihnen
wohl gar nicht zu sagen brauche, stets auf Ihrer Seite. Aber ich glaube, wir führen
den Kampf mit besseren Waffen, wenn wir diesem falschen den echten FormbegrilT
entgegenstellen, wenn wir den ..Formalismus" klar und energisch aus dem Reiche der
echten „Form" verbannen. Es ist von der größten Wichtigkeit, wenn wir auch vor
den Werken des neuen Baustils, der in seiner Schlichtheit so gar nichts von leeren
Formelementen, die die Architektur der verflossenen Jahrzehnte für uns unerträglich
machen, zu enthalten scheint, den leeren, äußerlichen Formalismus, der sich da und
dort einzuschleichen versucht, festzustellen versuchen.

Soweit wäre es ja nur ein Streit der Worte, aber ich glaube, man kann nachweisen,
daß wir das Wort „Form" gar nicht entbehren können. Es gibt nämlich, und das
gilt gerade für die Zeit, in der wir leben, auch einen Gestaltungsprozeß, der auf
halbem Wege stecken geblieben ist, d. h. der nicht zur lebendigen Form geführt hat.
Die Beispiele hierfür sind mindestens so häufig wie die eines leeren Formalismus.
Und die Gefahr, die darin liegt, daß man sich mit diesem Zustand einer sozusagen
embryonalen Gestaltung zufriedengibt, scheint mir in einer Zeit, die im Banne der
Rationalisierung und Typisierung* steht, außerordentlich groß zu sein. Gerade wir im
Werkbund sind dazu da, zwar auf der einen Seite den leeren Formalismus zu be-
kämpfen, - - aber auf der anderen Seite auch mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß
alle diejenigen, denen die gestaltende Arbeit unserer Zeit anvertraut ist, nicht eher
ruhen, als bis jedes Ding, sei es das unscheinbarste oder das bedeutendste, bis ins
letzte — „durchformt" ist. Darin sehe ich die eigentliche Aufgaben unserer Zeitschrift,
und deshalb glaube ich. sie trägt den Namen „Die Form" mit Becht.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr

Walter Biezler

Eine Antwort von Mies van der Rohe auf diesen Brief werden wir in der nächsten Nummer veröffentlichen.

Die Schriftleitung

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