Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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BLICK AUF DIE WEISSENHOFSIEDLUNG

„DIE WOHNUNG"

Nun ist es bald ein Menschenalter her, seit
in Darmstadt mit jener denkwürdigen Aus-
stellung „ein Dokument deutscher Kunst"
die junge „kunstgewerbliche" Bewegung
zum erstenmal in größerem Umfang an die
Öffentlichkeit trat. Es ist lehrreich genug,
sich heute in der Stuttgarter Werkbundaus-
stellung „Die Wohnung" dieser Tatsache zu
erinnern und den Weg zu überschauen, den
die Bewegung seitdem zurückgelegt hat. Es
fällt von da ein Licht auf die Entwicklung
unserer Zeil überhaupt.
Damals hat ein modern gesinnter regieren-
der Fürst sein persönliches Interesse an der
neuen künstlerischen Entwicklung dadurch
bewiesen, daß er einer Anzahl von Führern
des neuen Kunstgewerbes die Mittel in die
Hand gab, um auf einem schön gelegenen
Gelände vor der Hauptstadt ganz nach eige-
nen Wünschen ein Haus zu bauen und sich
dort ansässig zu machen. Heule folgt eine

Stadtverwaltung der Anregung einer Werk-
bundgruppe und läßt als Teil ihres dies-
jährigen ordentlichen Bauprogramms durch
führende Architekten des In- und Auslandes
eine Siedlung bauen, in der die Probleme
des Wohnungsbaues mit Berücksichtigung
aller der hemmenden und richtunggebenden
wirtschaftlichen und sozialen Gesichts-
punkte, die in den letzten Jahren so wich-
tig geworden sind, möglichst rein zur Dar-
stellung kommen sollten, und deren Häuser
nach Schluß der Ausstellung wie andere
neugebaule Häuser auch an Wolmungsbc-
rechtigte verkauft oder vermietet werden
sollen. So tritt an Siehe der individuali-
stischen Leistung des fürstlichen Mäzens die
kollektive Leistung der Kommune, an Stelle
des Besonderen, Einmaligen das Streben
nach dem Allgemeingültigen, an Stelle des
sich über die geistigen und materiellen Be-
dürfnisse der Menge erhebenden Luxus der

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