Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

Page: 257
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Dieses erste Sonderheft für die „Werkbundausstellung die Wohnung
Stuttgart 1927'', behandelt die Bauten der Weißenhofsiedlung.
Das nächste Heft wird die Küche und das Hausgerät behandeln.

Im Sommer 1925 wurde auf der Tagung des Deutschen Werkhundes in Bremen der
von der Württembergischen Arbeitsgemeinschaft des D.W.B, gestellte Antrag, auf
einer Ausstellung in Stuttgart das Wohnproblem zu behandeln, angenommen und mir
die Durchführung dieser Aufgabe übertragen.

Am 29. Juli 1926 wurde durch den Gemeinderat der Stadl Stuttgart dieser Vorschlag
angenommen und der von uns aufgestellte Bebauungsplan genehmigt. Mitte November
1926 wurde der „Verein Werkbund-Ausstellung die Wohnung" gegründet und am
1. März 1927 der erste Spatenstich für den Erdaushub auf dem Gelände am Weißen-
hof getan.

Bei Übernahme dieser Arbeit war ich mir klar, daß wir sie im Gegensatz zu der land-
läufigen Auffassung zur Durchführung bringen müßten, da jedem, der sich ernsthaft
mit dem Problem des Wohnungsbaus auseinandergesetzt hat, der komplexive Gharakter
desselben sichtbar wurde. Das Feldgeschrei: „Bationalisierung und Typisierung" und
auch der Buf nach der Wirtschaftlichkeit des Wohnheiriehes trifft nur Teilprobleme,
die zwar sehr wichtig sind, aber nur dann eine wirkliche Bedeutung erlangen, wenn
sie in der richtigen Proportion sieben. Neben oder besser über diesen steht das
räumliche Problem, die Scliaffung einer neuen Wohnung. Das ist ein geistiges
Problem, das nur mit schöpferischer Kraft, nicht aber mit rechnerischen oder orga-
nischen Mitteln zu lösen ist. Ich habe darum darauf verzichtet, irgendwelche
Bichtlinien aufzustellen, sondern mich darauf beschränkt, solche Persönlichkeiten für
die Mitarbeit auszusuchen, deren Arbeit interessante Beiträge zu der Frage der neuen
Wohnung erwarten ließ. Die Ausstellung war von vornherein als Experiment gedacht
und hat als solches ganz unabhängig von den erreichten Resultaten ihren Wert.
Von jedem der beteiligten Architekten sind die auf dem Markt befindlichen neuen
Materialien auf ihre Verwendbarkeit untersucht worden und jeder hat nach dem Grad
seiner Verantwortlichkeit die Wahl für seinen Bau getroffen. Jedenfalls zog der
Stand der Bautechnik unseren Bestrebungen nach dieser Seite eine Grenze.
Das organisatorische Problem ist ohne Mitarbeit der Bauwirtschaft nicht zu lösen.
Das schaltete für uns in Stuttgart vollständig aus, da wir auf die Vergebung der
Arbeiten keinerlei Einfluß hatten. Daniii war uns auch gleichzeitig eine Einwirkung
auf die Qualität der Ausführung genommen. Wirklich frei waren wir nur in dem
räumlichen Problem, also der eigentlich baukünsllerischen Frage.

Mies van der Bohe

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