Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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des Münchener Waldfriedhöfs halle niemals er-
reicht werden können, wenn nicht diese im übri-
gen locker gehandhabte Diktatur eingesetzt hätte.
Das gleiche kann man von manchem anderen
deutschen Friedhof sagen, u. a. auch von dem
sehr schönen Hauptfriedhof von Steltin. Daß der
harmonische Eindruck nicht etwa die Folge einer
allgemeinen Besserung des Geschmacks ist, ist
klar; man braucht sich nur Friedhöfe wie den
großen in Stahnsdorf bei Berlin anzusehen, um
zu erkennen, wohin man heute noch ohne eine
solche behördliche Aufsicht kommt. (Nebenbei
bemerkt: die erste derartige Beaufsichtigung eines
neueren Friedhofs fand unseres Wissens bei dem
berühmten Friedhof der Protestanten an der
Cestius-Pyramide in Born, einem der schönsten
Friedhöfe der Welt, statt. Dort bestand seit lan-
gem ein Ausschuß, der dafür sorgte, daß der har-
monische Eindruck des Friedhofs nicht gestört
wurde. Dieser Ausschuß, in dem die Deutschen
immer sehr einflußreich waren, hat leider zu Be-
ginn des Krieges seine Tätigkeit eingestellt. Die
Folge davon war, daß kurz darauf eine ganz ab-
scheuliche Bronzefigur aufgestellt wurde, die auf
das empfind liebste den Frieden stört und daß
auch noch nach dem Kriege eine Reihe von sehr
häßlichen und unharmonischen Grabmälern neu
errichtet wurde.)

Nun scheinen aber einige Stadtbauverwaltungen
dazu überzugehen, die Zügel der Diktatur noch
straffer anzuziehen. Es ist uns eine große Anzahl
von Grabmalsentwürfen vorgelegt worden, die ge-
schmacklich durchaus einwandfrei, oft sogar
künstlerisch recht erfreulich sind, die aber von
den betreffenden Bauämtern nicht deshalb ab-
gelehnt wurden, weil sie allgemeinen Bestimmun-
gen widersprachen, sondern weil sie nicht in der
ausgesprochen modernen Formgebung gehalten
sind, die von den Bauämtern offenbar allein noch
anerkannt werden. An die Stelle der Geschmacks-
diktatur tritt also eine Stildiklatur, die sich darin
äußert, daß den um die Genehmigung Nach-
suchenden von der Behörde eine Skizze von aus-
gesprochen „moderner" Formgebung überreicht
wird, nach der sie sich zu halten haben. Dieses
etwas brutale Vorgehen hat verschiedene schwer-
wiegende Nachteile. Wenn man auch anerkennen"
muß, daß es sehr erfreulich wäre, wenn es heute
schon gelänge, einem Friedhof eine stilistisch ganz
einheitliche Form zu geben, die dann natürlich
nur die „zeilgemäße" sein könnte, muß man doch
zugeben, daß es heute noch zahlreiche Menschen
gibt, und nicht nur geschmack- und kulturlose
Menschen, denen diese zeilgemäße Form rein ge-
fühlsmäßig nicht entspricht; und denen gerade
bei dem Grabmal, das sie ihren Angehörigen
setzen, daran liegt, ihr Gefühl irgendwie sprechen
zu lassen. Man könnte sich z. B. denken, daß eine
Familie von ausgesprochen klassischer Bildungs-
Iradilion Werl darauf legt, ein Grabmal von eini-
germaßen klassizistischer Form, das dabei ja
immerhin noch künstlerisch selbständig gestaltet
sein könnte, zu besitzen. Bis auf weiteres gibt es

solche Familien noch und daß es sie gibt, gehört
auch zum Charakter unserer Gegenwart, auch
wenn man anerkennt, daß sich allmählich ein
ganz neuer Geist mit wahrscheinlich unüberwind-
lieber Gewalt durchsetzt. Wenn man den Aus-
druck einer solchen Gesinnung oder kulturellen
Einstellung auf unseren Friedhöfen verbietet, so
ist das nicht nur eine Härte gegenüber dem indi-
viduellen Gefühl einzelner, sondern auch eine
Fälschung und Einengung des Zeitgeistes. Dazu
kommt noch ein anderes: Damit, daß man dem
Publikum eine Skizze vorlegt, aus der die von
der Behörde allein zugelassene Formgebung un-
gefähr zu ersehen ist, ist gar nichls Entscheiden-
des getan. Es kommt darauf an, wie die Aus-
führung ausfällt, und dafür entscheidend ist allein
die Fähigkeit des betreffenden Künstlers oder
Handwerkers, der mit der Ausführung betraut
wird. Es ist eine schwerverständliche Naivität der
Behörde, wenn sie glaubt, auf diese Weise die
Gewähr zu haben, daß damit der Eindruck einer
einheitlichen lebendigen Form erreicht wird. In
den meisten Fällen wird das Ergebnis eine jam-
mervolle Künsllichkeit sein.

Wenn die Behörde in dieser Weise diktatorisch
vorgehen will, dann muß sie schon den Mut auf-
bringen, noch einen Schritt weiterzugehen und
an die Friedhöfe Werkstätten anzugliedern, in
denen unter ihrer künstlerischen Leitung gewisse
Typen von Grabmälern ausgeführt werden, die
auf dem beireffenden Friedhof ganz allein auf-
gestellt werden dürfen. Es ist keineswegs ausge-
schlossen, daß in einigen Jahrzehnten die Über-
windung des Individualismus und die allgemeine
Uniformierung soweit fortgeschritten sein wird,
daß eine solche Lösung möglich sein wird, und
daß ein derartig ausgeslalteter Friedhof einen sehr
großartigen Eindruck machen wird. Wir hätten
dann eine Einheit wieder erreicht, wie sie auf
manchen alten, nicht mehr benutzten Friedhöfen
als Ausdruck einer ganz einhcillichen Kultur sich
bis in die Gegenwart erhalten hat, und wie sie
noch heute auf den Friedhöfen der Herrnhüter-
gemeinden gefordert wird, auf denen die Gleich-
heit aller vor dem Tode in erschütternder Ein-
dringlichkeit in Erscheinung tritt. Wird der
Versuch heute schon unternommen, so wird er au
dem fast einmütigen Widersland des Publikums
scheitern. Deshalb ist es entschieden gescheiter,
den Versuch einstweilen einmal gar nicht zu
unternehmen, die Zügel bis auf weiteres etwas
lockerer zu hallen und ruhig abzuwarten, in wel-
cher Richtung die Entwicklung, deren Wege doch
vielleicht geheimnisvoller sind, als mancher sehr
modern gesinnte Stadlbaurat sich träumen läßt,
gehen wird. W. Riezler

Anschriften der Mitarbeiter dieses liefles:

Dipl.-Ing. Curt Ewald, Hannover, Rumannstraße ai.
Arth. //. ,h Fries, Werder (Havel), Chaussccstraßc il3B.
Werner Gräff, Leiter der Presscableilung der Ausstellung „Die
Wohnung", Stuttgart.

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