Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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VOLKSKUNST UND KUNSTHANDWERK

VON DR. LÖTZ

Während sich in der Formgestaltung unserer
Zeit eine Gesinnung durchsetzt, die gar
keine nationalen und traditionellen Gebun-
denheiten mehr kennt und die radikal und
unsentimental alles Neue im Material und
Arbeitsvorgang bejaht, versuchen einzelne
Leute alte Volkskunst auszugraben und wie-
der aufleben zu lassen. In Rußland, wo
man in kulturellen Dingen ebenso radikal
ist wie in politischen, benutzt man uralte
Techniken der Volkskunst zur Herstellung
von kunstgewerblichen Gegenständen mit
bolschewistischen Motiven, hauptsächlich,
um damit Export zu treiben. Das ist aber
im Gegensatz zu anderen Ländern eine Aus-
nutzung einer noch vorhandenen Arbeits-
kraft. Bestrebungen, die diesen Gesichts-
punkt weniger oder gar nicht berücksichti-
gen, tauchen in verschiedenen Ländern auf,
so etwa auch in Griechenland, wo in Athen
die Kronprinzessin eine Schule gegründet
hat, die Volkskunst herstellt. Es ist, und
zwar besonders bei uns in Deutschland, eine
Reaktion zeitmüder Menschen, denen es
mehr Spaß macht, Altertümer zu sammeln
und zu kopieren, als schaffend am heuligen
Leben und seinen Bedürfnissen teilzu-
nehmen. Diese Tatsachen wären nicht so
sehr zu verurteilen, wenn sich nicht mit dem
Begriff Volkskunst Bestrebungen* schmück-
ten, die die Bettung des Kunsthandwerks
auf ihre Fahne schreiben. Beschäftigt; sich
doch der •Beichskunstwart, der es als
eine seiner dringendsten Aufgaben an-
sieht, das Handwerk zu retten, gern mit
Volkskunst, und seiner Anregung ist es wohl
zu verdanken, daß die Jahresschau 1929
in Dresden eine Ausstellung der Volkskunst
werden soll. Die Dresdener, die ja jedes
Jahr eine Ausstellung glauben machen zu
müssen, haben zugegriffen und man darf
gespannt sein, was uns hier alles als Volks-
kunst vorgesetzt wird, denn wirkliche
Volkskunst gibt es ja heute fast überhaupt
nicht mehr.

Was ist überhaupt Volkskunst?

Ein Volkswirtschaftler hat einmal behaup-
tet, daß im Gegensatz zur Gewerbekunst die
Volkskunst als ein Hausgewerbe anzusehen
ist, das nur für den Eigenbedarf arbeitet.
Die Definition ist wohl nicht ganz haltbar,
denn da der Begriff zuerst von der Kunst-
betrachtung geprägt wurde, hat er vom
Formalen auszugehen und wird sich nie mit
einer volkswirtschaftlichen Definition dek-
ken können. Was wir als Volkskunst be-
zeichnen, ist eine Rückbildung von Stilfor-
men, — bei uns in Deutschland meist des
Barocks, — die durch diese Rückbildung
zu naiven erstarrten Formen geworden sind,
die aber in ihrer Primitivität etwas von
der Eigenart des Volkes in sich aufgenom-
men haben. Es ist unpersönliche, für die
Landschaft typische Form ohne Weiterent-
wicklung, abgeschlossen gegen jede Neue-
rung. Fast ohne Ausnahme gehören die
Formen Geräten der bäuerlichen Betäti-
gung an. In einzelnen Gegenden und Län-
dern sind Farbe und Formensprache an be-
sondere alte Techniken gebunden, das Sil-
berfiligran beim Friesenschmuck, die Hand-
weberei bei Trachtenstoffen, einzelne Arten
der Stickerei und andere textile Handarbei-
ten. Ein Hervorholen und Neubeleben sol-
cher alten Techniken hat aber nur dann
einen Zweck, wenn die alte Volkskunsttech-
nik nicht durch eine verfeinerte Technik
überholt ist, wie etwa bei Filigranschmuck,
der heute von neuzeitlichen Goldschmieden
besser gehandhabt wird als etwa beim Frie-
senschmuck. Ein Überholen der allen Hand-
arbeitstechnik durch maschinelle Herstel-
lung aber schließt das Aufgreifen der alten
handwerklichen Technik nicht aus. Denn
wir dürfen nicht vergessen, welche guten
Erzeugnisse heute in der Handweberei her-
gestellt werden, die ja doch durch Neube-
lebung alter bäuerlicher Weberei entstan-
den ist. Aber, und das ist das Wichtigste,
es können nur dann gesunde Resultate er-
zielt werden, wenn aus der alten Technik
eine neuzeitliche Formensprache herausge-

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