Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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von Carin Wästberg, ist eine staatlich unter-
stützte Anstalt für textiles Kunsthandwerk
und besteht bereits seit 187^. Neben eige-
nen Werkstätten für die Ausführung der
Entwürfe, die von den künstlerischen Mit-
arbeitern — es sei hier nur Maja Sjöström
genannt — geliefert werden, unterhält die
Vereinigung dieser Freunde der Handarbeit
laufende Kurse in einer Webschule und in
einer Nähschule. Diese sind sowohl zur
Ausbildung von Weblehrerinnen als auch
für Kunstgewerblerinnen gedacht. In glei-
cher Weise arbeitet daneben „Johanna
Brunssons Vävskola", gegr. 1873, seit 1920
unter Leitung von Alma Jacobson. Auch
hier praktische und theoretische Kurse,
doch meines Wissens nur für Weberei und
ohne staatliche Unterstützung. Die künst-
lerische Leitung liegt in Händen von Hilde-
gard Dinclau. Die interessanteste Gruppe
unter allen ist „Föreningen för svenkt hem-

slöjd", in deren Rahmen wir Märtha Gahn
und Märta Määs-Fjetterström finden. Hier
handelt sich es um eine Vereinigung, die
in engstem Zusammenhang mit der schwe-
dischen Werkbundbewegung steht und ihre
Tätigkeit, ebenfalls mit staatlicher Un-
terstützung, nicht lokal begrenzt, sondern
Kontakt sucht und hält mit der ländlichen
Tradition handwerklichen Könnens. Ihre
Zentralstelle hat sie in Stockholm, wo sie
neben ihren besonderen Werkstätten auch
eine Verkaufsslelle führt. Ein letztes be-
deutendes Unternehmen im schwedischen
textilen Kunsthandwerk bildet ,,Thyra
Grafströms Textilaffär" unter Elsa Gull-
berg. In seinen Werkstätten führt es nicht
nur die Entwürfe der Inhaberin aus, son-
sern übernimmt auch die Ausführung von
solchen der schwedischen Architekten.

Walther Karbc-Jena

HANS POELZIGS
DEUTSCHES LICHTSPIELTHEATER IN BRESLAU

In Breslau ist kürzlich ein interessantes
Lichtspielhaus von Poelzig fertiggestellt
worden. Die äußere Gestaltung steht in be-
wußtem Gegensatz zur inneren Raumlösung
und die Darstellung dieses Gegensatzes bil-
det das Ziel einer Entwicklung, die vom
Großen Scbauspiclhaus über das Capitol
bis zu dieser letzten Arbeit führt. Die Fas-
sade ist hier in Breslau eine Fassade in ganz
neuem Sinn. Sie ist vollkommen abschlie-
ßende Straßenwand und gehört ganz dem
neuzeitlichen Wesen der Straße an, wenn
sie auch, oder gerade weil sie so fremd-
artig neben den Renaissancehäusern der
Nachbarschaft steht. Sie ist Ausdruck des
Bewegungstempos der Straße, die das
moderne Gefühl zeillich nacheinander in
schnellem Tempo als Durcheilen des Hohl-
raums erlebt.*) Zugleich bedeutet diese
Außenwand ein scharfes Abschneiden des

Energielempos beim Eintritt, und innen er-
steht dann in ganz anderem Charakter der
Innenraum des Kinos. Hier ist die Wirkung
des Capitols noch überboten. Der Innen-
raum ist weniger fest begrenzt. Die Decke
ist visionär entrückt, sie wird unwirklich
durch die nicht faßliche Wölbung, die
blaue Farbe und die im Dunkeln schwim-
menden sternarligen Beleuchtungskörper.
In großem Zug schwingt sich die Kurve der
Empore durch den Baum. Jede feste, starre
Bewegung ist vermieden. Die Baumbegren-
zung hat gar nichts mehr von Selbstwert,
alles untersteht dem Fluß der von Hohl-
raum und Licht gebildeten Werte, die ohne
feste Bindung aus dem Dunkel herauswach-
sen und wieder im Dunkel verschwinden.
Das Licht ist nicht mehr dienende, sondern
formbildcnde Kraft. W. L.

*) Diese Frage der Loslüsung der Fassade von dem eigentlichen Bau und ihre selbständige Gestaltung als Teil
der Straße hat Dr. Riezler im 2. Heft der „Form" behandelt.

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