Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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früher zwischen seinen „vier Wänden'" sich meiden gewesen, es schien mir aber vom

eingesperrt und eingeengt fühlt, sondern Standpunkt der heutigen Zeit und den

ähnlich wie auf dem Promenadendeck eines durch die Größe und Anordnung des Hauses

Schiffes ein Gefühl von Weite hat. So kann gegebenen Lebensgewohnheiten nicht mög-

man auch die Wohnräume nach außen lieh und ganz widersprechend, wenn ich

durch Falltüren vollkommen öffnen und eine so scharfe Trennung vollzogen hätte,

mit Terrasse und Garten in unmittelbare Die Gewohnheiten und Notwendigkeiten

Verbindung bringen. eines riesigen Repräsentativ- oder Hotel-

Die Lage der Küche ist auch etwas, was haushaltes sind nicht auf bürgerliche Ver-

man vom allen eingeschworenen Stand- hältnisse anzuwenden, so gern man bei uns

punkt aus übelnehmen wird. Wenn man so etwas hemmungslos überträgt und sich

nämlich die Falltüren aufmacht, also unten damit wer weiß wie wichtig und großartig

die sämtlichen Räume zusammen benutzt, vorkommt.

kann das Mädchen nicht mehr die Straße Alles in allem, das Wesentliche war mir die
erreichen, ohne die Wohnräume zu betre- Auflockerung des Grundrisses und das In-
ten, umgekehrt kann man das Obergeschoß bcziehungselzen des Hauses zum Garten und
nicht erreichen, ohne mit der Küche in Be- ich glaube, daß das für alle Häuser
rührung zu kommen. Trolzdem sind beide wesentlich war. Hoffen wir, daß unser
Wege möglich, das zeigt ein Blick auf den Bemühen Erfolg hat.
Grundriß, ohne die Wohnfunktion oder die Mit den herzlichsten Grüßen
Wirtschaftsfunktion zu stören. Das wäre Ihr

durch einige kleine Veränderungen zu ver- Adolf Rading

DREI BEHAUPTUNGEN UND IHRE FOLGEN

1. Behauptung. Der moderne Mensch, der Folgen. Der Architekt bemüht sicli seit
eine Zentralheizung hat, der in der Eisen- vierzig Jahren Dinge, die ihn eigentlich
bahn, im Automobil und im Luftschiff nicht viel angehen, in Modeformen herzu-
fährt, kann unmöglich auf einem Sessel stellen, jährlich neue Sesselformen hcraus-
aus der Zeit Ludwig XV. sitzen. zubringen, die aber in der Regel nicht ein-
Dadurch, daß er auf diesem Sessel sitzt. be- mal das Aller einer Karosserie erreichen,
weist er, daß er es kann, ohne komisch oder Lehre. Du sollst nicht jährlich einen neuen
auch nur auffallend zu wirken. Es wird bei Stil erfinden und nicht Gelüste tragen nach
obiger Behauptung übersehen, welch ge- dem Stil deines Nächsten: der Mensch ist
ringe Rolle in unserer Zeit die Form gegen- keine Eintagsfliege.

über der Zweckerfüllung spielt. Es haben o r> 7 , ,t , ■,. ,„ ,

... . „ i 1 tienauptunq. Das Haus und die Woh-

sich eine Anzahl von Geraten, deren funk- .. ■ i , • ., . - ,

. TT . ,. , . , , , nung müssen industriell maschinell nerge-
tion seit der Urzeit die gleiche geblieben , , ,..„. , ,

r , , stellt werden wie die Dluhlainpe, das I ele-

lst, z. 15. bessel, schon seil langem zu sol- . 1

, -,r „, , ., . . ... 10- |>bon und das Automobil,

eher Vollkommenheit entwickelt, so dalj sie,

schon damals typisiert, heule noch verwend- ])ic Glühlampe soll leuchten, das Telephon

bar sind. Das Zeitalter, in dem elwas ent- soll den Schall übertragen, das Automobil

steht, läßt sich nicht genau mit einer Jahres- soll fahren und sein Wert liegt in dem, was

zahl versehen, einschränken. Der Sessel hat draußen zu sehen isl. All diese Funktionen

eine größere Lebensdauer als das Antonio- sind sehr eindeutig, und je besser sie erfüll!

bil, das absichtlich als Modegegenstand her- w eiden, was leicht festzustellen ist, desto

geslelll wird, die nicht länger modern sein besser sind sie. Die Wohnung ist das Nega-

darf als seine Verwendbarkeil. liv des Menschen und bleibt dies während

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