Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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nach Maßeinheit ist Ende, aber nicht An-
fang einer Typisierung. Die Typisierung
z. B. auf dem Gebiete des Fensterbaues hat
m. E. zur Starrheit und Beengung geführt,
wirtschaftlich nicht begründbar und psy-
chologisch deprimierend. Eine Ideallösung
der Typisierung müßte sich wohl mit dem
Schnittpunkt der Wünsche des Baukünst-
lers, des Technikers und des Bewohners
decken. Wir können im Augenblick nur
Sehnsucht durch Aufzeigen einer „Fülle des
Wünschbaren" erwecken. Später wird die
Antwort aus Publikums- und Techniker-
kreisen zur begrenzten Skala typisierter
Einzelformen führen.

Zunächst haben wir Möglichkeiten der
Baumkombinalion für verschiedene Be-
dürfnisse zu zeigen, sowie Einzeldinge, wie
z. B. verschiedene Arten der Fensterherstel-
lung, um so Sicht-, Lüflungs- und Belich-
tungsfenster, fest eingebaute und zu öff-
nende usw. vorzuführen, und diese Fenster
der Größe und Art nach in die richtige Be-
ziehung zu den gewünschten Bäumen zu
setzen, um daraus endlich eine Reihe von
Fenstern — einer Reihe von Wünschen des
Nutznießers entsprechend — als Typenfen-
ster zu entwickeln. Das Gleicbe gilt sinn-
gemäß für alle übrigen Haus- und Woh-
nungsteile, wie eingebaute Möbel, Türen,
den Korridor usw.

*

Die Stuttgarter Ausstellung bietet eine Fülle
solcher Anregungen. Es kommt jetzt nicht

darauf an, abzuwarten, wie die technischen
Formen, in die diese Anregungen gekleidet
sind, sich bewähren werden, sondern dar-
auf, diese Anregungen zu sichten und die
für gut befundenen in ihrer Ausführung
wirtschaftlich und konstruktiv zu ver-
bessern.

Diese Arbeit zu organisieren, wäre jetzt
notwendige und dankenswerte Aufgabe.
(Was ein verständnisvolles Eingehen auf
Publikumswünsche, Material und Kon-
struktion zu schaffen vermag, zeigt die Ent-
wickelung des Autos.)

*

Als Ergebnis und Gewinn der Ausstellung
steht fest:

Die Einheitlichkeit des Gesamtbildes der
Siedlung trotz der subjektiven Durchfüh-
rung der einzelnen Bauten auf Grund ver-
schiedener Persönlichkeiten und Nationen.

Als Wunsch und Hoffnung bleibt:

Die Erkenntnis der Notwendigkeit der kurz-
fristigen Wiederholung ähnlicher Sied-
lungsaufgaben mit immer weiter entwickel-
tem Programm. Diese Programmentwick-
lung fußt auf dem jeweils Erreichten und
umfaßt die Gesamtformulierung des Woh-
nungsproblems sowie alle Unterfragen (Be-
wirtschaftung, Baustoffe, Bauteile usw.)
mit dem Endziel einer Typisierung ohne
Mechanisierung des Lebendigen.

Hans Scharoun

TERRASSEN AM HAUS

Bei dem von mir projektierten „Terrassen-
haus" handelt es sich um ein Konglomerat
von eingeschossigen, zwei-, drei- und vier-
geschossigen Häusern, die so ineinander
hineingeschoben sind, daß immer das flache
Dach des niedrigen Hauses die Terrasse bil-
det für das dahinterliegende höhere Haus.
Sämtliche Wohnungen des Erdgeschosses
haben ihre Freiplätze in einem durch eine
Mauer vom nächstliegenden abgetrennten
Vorgarten. Das erste Obergeschoß erhält
2 m tiefe, auf Betonplatten ausladende
Balkons, das zweite Obergeschoß erhält

seine Terrassen in Größe der darunterlie-
genden Zimmer dadurch, daß die Front-
mauer um die darunterliegende Zimmer-
tiefe zurückspringt. Im dritten Oberge-
schoß bleibt wiederum ein Teil der Zimmer
des zweiten Obergeschosses als Terrassen
liegen. Über dem dritten Obergeschoß des
Mitteltraktes dehnt sich ein großer Dach-
garten aus von ungefähr 144 qm, der durch
Pflanzung und Anlage von Spielflächen in
der inneren Stadt einen Ersatz für Bedürf-
nisse, die man von städtischen Freiplätzen
erhofft, bietet.

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