Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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AM ENDE FRAGT'S: „WAS BIN ICH SCHULDIG?" UND ALS ES DANN NACH HAUSE KAM'

„EIN GOLDSTÜCK, DU WARST SEHR GEDULDIG." VERGING ES FAST VOR WEH UND SCHAM.

DA GAB DAS MÄNNCHEN TROTZ DER DIE .MUTTER SPRACH: „NUN HÖR' MIR ZU,

SCHMERZEN 6IB MIT DEN KANNCHEN ENDLICH RUH,

DAS GOLDSTÜCK HER MIT SCHWEREM HERZEN. UND MERK' DIR' WAS DIE MU1TER SAST<

DANN BLEIBT DIR SCHMERZ UND STRAF'

ERSPART.'

.DAS MÄNNCHEN" VON CONNY MEISSEN

Verlag: Herbert Stuffer, Berlin

DAS KIND, SEINE WELT, SEIN SPIELZEUG
UND SEINE BÜCHER

Die Welt des Kindes

Die Welt des Kindes ist erst in unserer
Zeit entdeckt worden. In früheren Zeiten
finden wir wohl einen Kult der Kindheit,
aber diese Kindheit ist nicht die wirkliche
Welt des Kindes, sondern ein symbolhaft
glücklicher Zustand, ein Ideal mit mythi-
schem oder religiösem Einschlag. Die Welt
des Kindes als wirklich vorhandener Zu-
stand, als das Verhältnis des Kindes zum
Leben und zur Umwelt, konnte erst erkannt
werden, als über das Dichterische hinaus die
Wissenschaft, vor allem die Psychologie,
die Philosophie, die Pädagogik und die
Kunstwissenschaft, die Erscheinungen
untersucht halte, die der kindlichen Welt
eigentümlicb sind, und als die praktische
Pädagogik die Welt des Kindes erkannte

und verstand und mit diesem Verslehen ihre
Arbeit leistete.

Ist diese Welt des Kindes etwas Eigenes,
in sich Abgeschlossenes, mit wesentlichen
und nur ihr eigentümlichen Merkmalen und
Erscheinungsformen und mit einer anderen
\orslellungswelt als die des erwachsenen
Menschen? Oder ist sie nur ein Vorstadium,
eine Entwicklung zum Erwachsenen, ein
Vorgang, bei dem nur das Resultat wichtig
ist? Werten wir nur das Ergebnis und den
Weg nur vom Ergebnis aus, oder hat dieser
Weg seine eigenen Werte?

Ohne Zweifel neigt unsere Zeit dazu, der
Welt des Kindes einen eigenen Wert beizu-
messen, der, unabhängig vom Ziel, seinen
eigenen Charakter und seine eigenen Er-

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