Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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BAUKERAMIK IN EISENKLINKER / LUDWIG GIES. BERLIN

kraft der Plastik erlahmt, so sinkt sie zum
schmückenden Dekor herab. Die ganze
Nachahmung der Antike in Deutschland seit
dem Klassizismus ist ein Beweis dafür.
Diese Gegenüberstellung, mit historischen
Beispielen belegt, soll nur dazu dienen, den
notwendigen Unterbau für die kommenden
Betrachtungen abzugeben. Es soll die Frage
erörtert werden, wie weit und in welchem
Sinne bei unserer heutigen Architektur Pla-
stik Verwertung finden kann. Um hierauf
eine Antwort geben zu können, ist es vor-
erst notwendig, sich über Wesen und Art
der heutigen Architektur klar zu werden.
Wir können heute auf keine Tradition in
der Architektur zurücksehen, in dem Sinne,
daß wir uns mitten in der historischen
Entwicklung eines Architekturstils befän-
den. Dem heutigen Architekten sind keine
Formen an die Hand gegeben, die er not-
wendigerweise weiterverwenden und weiter-
bilden muß, er findet in der Vergangenheit
nur Formen, die entweder Spät- und Alters-

erscheinungen sind oder Formen, die er aus
der Mitte einer Entwicklung herausnehmen
kann, die aber ihre Erfüllung und Vollen-
dung schon früher gefunden haben. So
könnte er mehr oder minder individuell um-
geformte ältere Formen auffrischen, er
wird Romantiker oder Eklektizist, besten-
falls eine eigenartige Einzelpersönlichkeit
ohne Verankerung in der Zeit. Es fehlt dem
Architekten jede einheitliche kulturelle
Basis, dagegen sieht er sich einem Leben
gegenüber, das ganz andersartig als das
Gestern ist. Lebensgewohnheiten, soziale
Schichtung, der Verkehr, das Indienststellen
von neuen Naturkräften wie die Elektrizität
haben in die Entwicklung einen gewaltigen
Riß gebracht. So muß er von vornherein
neu aufbauen. Die jüngere Generation der
Architekten sagt heute, daß es nicht ihre
Aufgabe ist, Formen zu schaffen, denn eine
Form ist nur das Ziel eines Arbeitsprozes-
ses, bei dem an die Form überhaupt nicht
gedacht werden darf, sondern nur an die

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