Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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untrennbar zur Fassade, was besonders
deullicli nachts in Erscbcinung tritt, wenn
die Schrift durch eine unsichtbar ange-
brachte Lichtquelle hell erleuchtet ist.
Diese Lösung ist ganz ausgezeichnet und
wird sicher bald Nachfolge finden, da da-
mit nicht nur die Schwierigkeit, die in der
aus Gründen des Geschäftslebens unver-
meidlichen Anbringung von Reklame liegt,
beseitigt ist, sondern die Reklame selbst
zu einem Teil der Architektur geworden ist.
Die Tatsache, daß die Umgestaltung von
Fassaden zu einem ernsten baukünstleri-
schen Problem geworden ist, ist nicht ohne
grundsätzliche Bedeutung. Sie scheint ja
mit allen Prinzipien einer gesunden Archi-
tektur im Widersprucb zu stehen. Aber sie
beweist, daß in der lückenlos gebau'.en
städtischen Straße die Fassade sieb so sebr
von dem dahinter liegenden Baukörper ge-
löst hat, daß sie selbständig bebandelt wer-
den kann. Gerade das Haus in der Tauent-
zienstraße zeigt, daß die Fassade heule in
der Großstadt zu einer Art Begrenzungs-
wand der Straße selbst geworden ist, und
daß demgegenüber das, was hinter dieser
Begrenzungswand ist, mehr oder weniger
gleichgültig geworden ist. Dies mag vom
Standpunkt der strengsten Prinzipientreue
sehr bedenklich erscheinen, — aber viel-
leicht darf man darauf hinweisen, daß es
etwas ähnliches schon früher gegeben hat:
In den alten Straßen der Innstädte sind die
Fassaden regelmäßig über den eigentlichen
Baukern hinaus bis zur Höhe des Dachfir-
stes gezogen, wodurch auch eine einheit-
liche Straßenbegrenzung entsteht, die auf
die dahinter liegenden Häuser keine Rück-

sicht nimmt. Im einen wie im andern Fall
ist es so, daß die Straße als solche ihr eige-
nes Leben hat und dieses zur Gellung
bringt, daß auch sie, und nicht nur das
Haus, in freiem Wachstum sich umgestal-
tend vom Wechsel der Zeiten in wechseln-
den Formen Zeugnis ablegt.

Schließlich gehört auch che selbständige Ge-
staltung der Läden, die schon vor dem
Kriege begonnen und allmählich einen
immer größeren Umfang angenommen hat,
in diesen Zusammenhang. Freilich wird
durch sie nicht nur der dahinter liegende
Baukörper, sondern auch die Form der
übrigen Fassade ignoriert, und sie mag
daher nur dahingehen, wo diese Fassade an
sich wertlos ist und wo die Bedürfnisse den
nachträglichen Einbau von Läden notwen-
dig machen. In der letzten Zeit ist auch da
insofern eine Wandlung eingetreten, als das
neue Bedürfnis nach einfachster Form auch
auf dieses Gebiet übergegriffen hat und
man nun auf die unerträglichen modischen
ornamentalen Einrahmungen verzichtet. So
ist z. B. die von uns abgebildete Neugestal-
tung des neuen Ladens des Seidenhauses
Cords am Kurfürstendamm ganz ausge-
zeichnet, wenn sie auch zu der übrigen Fas-
sade des Hauses in einem grotesken Gegen-
satze steht. Daß dieser Laden ausgerechnet
in das Haus eingebaut wurde, auf dessen
Dach auf Befehl jener merkwürdigen ,,Ver-
schönerungskommission" noch vor kurzem
ein zweites Ziertürmchen errichtet werden
mußte, damit die Einheitlichkeit der Ar-
chitektur gewahrt bleibe, entbehrt nicht
einer gewissen Komik. W. Riezler

WOHNFORM UND WANDLUNGSFÄHIGKEIT

VON DR.-ING. FRITZ BLOCK, HAMBURG

Es wird in unserer Zeit sehr viel von
Typung und Normung geredet und wir
haben eigentlich recht wenig Leistungen
und Vorschläge aufzuweisen, die geeignet

sind, das Problem entscheidend weiterzu-
bringen.*)

Viele der bisherigen Versuche scheitern
daran, daß sie den Funktionalismus nicht

*) Der Verfasser hat auf dem letzten Bundestag des B.D.A. in Halle in seinem Referat (Baugilde 1926, Heft 24)
die Grundlagen behandelt mit dem Erfolg, daß der B.D.A. in seiner Resolution eine bejahende Stellung zu
diesen Dingen genommen hat.

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