Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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im Winter ungeheizt liegen, mit der Funk-
tion der „guten Stube", oder wird unter-
vermietet, also von neuem der Übclstand des
Schlafgängerwesens.

Alle diese Gründe haben zu der beschriebe-
nen Planung geführt. Hier kann der Wohn-
teil keiner anderen Bestimmung zugeführt
werden. Zwangsformung sollte man über-
haupt, wo eben möglich, bei allen Räumen
der Kleinwohnung durchführen. (Bäder so
einrichten, daß sie zu nichts anderem zu
gebrauchen sind!)

Ich bin bei dem Entwurf dieser Wohntype
aber weiterhin darauf ausgegangen, eine
Lösung zu finden, die dem sozialen Mini-
mum und dem jeweiligen Familienstand
Rechnung trägt. Da der letzte veränderlich
ist, muß auch der Grundriß der Wohnung
wandlungsfähig sein, und zwar ohne
wesentliche Veränderungen und Kosten.
Auch die Vorteile von Typisierung und
Serienherstellung dürfen dadurch nicht hin-
fällig werden. Das ist in der aufgestellten
wandlungsfähigen Normaltype der Fall.

Das soziale Minimum ist verschieden je
nach Familienstand. Als soziales Minimum
sollte gelten: getrennte Schlafzimmer für
Eltern und beide Geschlechter der Kinder,
Wohnzimmer und kleine Küche oder eige-
ner Wohnteil der Wohnküche und Koch-
nische, Loggia oder Balkon und die wich-
tigsten Nebenräume, deren Fehlen ganz be-
sonders zu „Wohnuntugenden" führt.
Abb. 3 zeigt, wie sich praktisch die Ver-
wendung der Type gestaltet bei verschiede-
nen Familienständen. Besonders interessant
dabei ist, daß in vielen Fällen Ledigenwoh-
nungen übrigbleiben mit eigenem Zugang,
Wasch- und Duschraum, W. C. bei 18 qm
Grundfläche und mit eigenem Schlaf räum,
W. C. und Wohnraum bei 3o,i qm Grund-
fläche. Die mit angegebenen Flächeninhalte
zeigen, daß alle Wohnungen bei ihrer
weitgehenden Verwendungsart doch recht
sparsam sind, weil der umbaute Raum
vollen Nutz- und Wohnwert hat.

Es ist in vorliegendem Grundriß der ungün-
stigste Fall der Ofenheizung mit den vielen
Schornsteinen angenommen worden. Ein-
führung von Sammel- oder Einzelheizung
würde natürlich eine wesentliche Verein-

fachung des Mauerwerkes herbeiführen und
die Planung günstig beeinflussen.

Auch sonst ließe sich das konstruktive
System noch weiter vereinfachen und leicht
auf ein Pfeilersyslem zurückführen. Ich
bin aber aus den angeführten Gründen
mehr dafür, solange die breiten Schichten
noch an schlechten Wohngewohnheiten
hängen, die Räume durch ihre Formung
eindeutig ihren Zwecken zuzuführen.
Gehen wir zu weit und zu schnell vor mit
unseren Typisierungsarbeiten, dann fürchte
ich, kommen wir eher vom Ziele ab, als zu
ihm hin.

In anderen Ländern sind die großen Massen
viel leichter zu neuen Wohngewohnheilen
zu erziehen. Die Holländer können Klein-
wohnungen nicht nur gut bauen, sondern
auch gut bewohnen. Abgesehen von der
Küche, ist bei der vorliegenden Type, die
für einen ganz bestimmten Fall geplant ist,
von Möbeleinbau abgesehen worden, da der
größte Teil der in Frage kommenden Be-
wohner über Möbel verfügt. Andere Wohn-
gewohnheiten, andere Maße, andere Grö-
ßenverhältnisse, andere Mittel werden ohne
weiteres zu anderen Lösungen führen.
Wesentlich an dieser Type ist, daß das alte
auch in dem zugrunde liegenden Programm
verlangle Schema von 2 und 3 Zimmerwoh-
nungen durch eine durchdachle Lösung er-
setzt ist, die bei bescheidenen Raumgrößen
die besten Wohnmöglichkeiten bietet, dabei
für die großen Familien in der Miete noch
erschwinglich, für die kleineren sehr wobl-
feil ist. Die Haustiefe beträgt 10,5 m. Ohne
Loggien könnte man natürlich mit einer ge-
ringeren Tiefe auskommen. Es sind aber
bewußt Loggien statt der Balkone gewählt
worden, weil in unserem Hamburger Klima
Balkone viel geringeren Wohnwert haben.
Der Typ ist auf 3 verschiedene Hausbreiten
bearbeitet worden. Es zeigt sich, daß bei
einer Breite von i5,5m für 3 Wohnungen
alle Räume schon hinreichende Abmessun-
gen erhalten, bei größeren Verhältnissen ist
eine Breite bis zu 16,8 m vorgesehen, die
für die speziellen Funktionen reichlich be-
messene Räume ergibt, (Siehe Abb.) Ver-
gleicht man diese Maße mit den üblichen
Planungen, so wird man ohne weiteres den
gesteigerten Wohnwert erkennen.

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