Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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fassende Kenntnis allgemeiner Zusammen-
hänge und damit meist neue Gesichtspunkte
für die Bearbeitung technischer Fragen mit,
sie sieht und kennzeichnet gemeinsame In-
teressen eines Industriezweiges durch das
Studium grundsätzlicher Fragen, wo der
einzelne Betrieb aus Konkurrenzgründen
durch Geheimhaltung wesentlicher Kennt-
nisse häufig Schranken aufrichten muß.
Zum zweiten aber beherrscht die wissen-
schaftliche Forschung die Fülle der ge-
nauen Methoden moderner Experimentier-
kunst. Muß es auch stets ihr Bestreben sein,
diese Kenntnisse dem Techniker des Betrie-
bes zu vermitteln, so ist ihre Aufgabe doch
keineswegs nur die, technische Analysen-
methoden auszuarbeiten. Im Gegenteil: die
Anwendung der subtileren wissenschaft-
lichen Methoden ermöglicht meist einen
weit tieferen Einblick in technisch wichtige
Vorgänge, als beispielsweise die Betriebs-
analyse, deren Wert dadurch keineswegs
herabgesetzt werden soll. Auch bei ein-
gehenderen Arbeiten außerhalb der eigent-
lichen Produktion haben nur ganz wenige
Großbetriebe Zeit und Mittel, um unter
Verwendung genauer Methoden spezielle
Fragen nach allen Seiten zu studieren. Auf-
gabe der Forschung dagegen ist es, allen
Fragen, die das vorliegende technische Pro-
blem stellt, mit Einsetzung des gesamten ex-
perimentellen Büstzeugs zu Leibe zu gehen.
Mancher anscheinend übermäßige Zeitauf-
wand wird durch die erlangten grundsätz-
lich wichtigen Ergebnisse vielfach wettge-
macht. Es leuchtet ein, daß hiermit nicbt
uferlosem Experimentieren das Wort gere-
det wird, sondern daß sich klare Zielstrebig-
keit auch bei wissenschaftlicher Arbeit von
selbst versteht.

Es wird zum Verständnis der Ausführungen
seitens des Lesers beitragen, wenn wir zur
Erläuterung uns dem in der Überschrift ge-
nannten konkreten Fall zuwenden und die
Vorteile zu nennen suchen, die speziell die
Seidenindustrie von dem Anstreben solcher
Forschungsziele zu erwarten hat. Von allen
Zweigen der Textilindustrie ist die Sciden-
industrie dadurch ausgezeichnet, daß sie in
der natürlichen Seide ein überaus werlvolles
Material verarbeitet, dessen Schädigung
während der verschiedenen Prozesse der
Verarbeitung möglichst vermieden werden

muß. In der mechanischen Verarbeitung,
also der Weberei bzw. Wirkerei ist dank
der hervorragenden mechanischen Eigen-
schaften des Seidenfadens die Gefahr einer
dauernden Schädigung, wenn wir von man-
chen akuten Schwierigkeiten, wie schlechte
Windbarkeit, Fadenbrüche usw. absehen,
nicht allzu groß. Um so weittragender .sind
dagegen die ev. Folgen von Veredlungsvor-
gängen, besonders der Erschwerung mit mi-
neralischen Substanzen, die heute bei fast
allen Seidenstoffen eine bekanntlich sehr
große Bolle spielt. Die Erforschung der
Ursachen für die häufig erst nach Jahren
an erschwerten Stoffen auftretenden Schä-
digungen, die sich meist in starker
Schwächung, ja sogar völliger Zermürbung
des Gewebes äußern, steht heute noch in den
Anfängen. Sie werden erst ganz erfaßt wer-
den können, wenn wir wissen, wie die Seide
chemisch und physikalisch aufgebaut ist;
dieses Ziel ist nun seinerseits nur im Ver-
gleich mit den anderen Faserstoffen er-
reichbar, und so sehen wir hier schon einen
neuartigen Ausblick, den wissenschaftliches
Streben aus dem speziellen Erschwerungs-
problem entwickelt. Daß auf dem Wege zu
diesem immerhin fernen Ziel genug wich-
tige Zwischenergebnisse liegen, die der För-
derung der Scidenindustrie dienen, braucht
nicht besonders erwähnt zu werden.
Ein weiteres, in mancher Beziehung aktu-
elleres Forschungsgebiet hat sich in den letz-
ten 10 Jahren durch die gewaltige Zunahme
der Verwendung von Kunstseide ergeben.
Jahrtausendelang hat der Mensch trotz aller
technischen Fortschritte die Bohstoffe für
seine Bekleidung stets fix und fertig von
der Natur sich liefern lassen. Von den Tie-
ren nahm er Seide und Wolle, Kamelhaar
usw., die Pflanzenwelt lieferte Baumwolle,
Flachs, Hanf u. a. Die Frage der Selbst-
herstellung kam lange Zeit gar nicht in Be-
tracht. In jüngster Zeit jedoch hat sich, be-
günstigt durch die Nöte des Krieges, die
schon recht lange vor diesem Ereignis vor-
handene Kunstseidenindustrie so mächtig
entwickelt, daß sich unmißverständlich
nunmehr das Bestreben herausbildet, der
Natur auch eines ihrer letzten Privilegien zu
rauben und, freilich nicht ohne ihre Mit-
hilfe, aber doch, was die Faserbildung be-
trifft, von ihr unabhängig künstliche Fäden

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