Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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herzustellen. Daß damit eine Fülle von Forschung ein weites Gchict. Der im An-
technischen Schwierigkeiten besonders in fang gekennzeichnete Drang der letzteren
Verarbeitung und Veredlung verknüpft war nach Verallgemeinerung erscheint danach
und ist, soll nur an einem Beispiel gezeigt auch im technischen Interesse berechtigt,
werden: Hat die Natur auch Seiden ver- und es ergibt sich hier wie oben bei der
schiedener Art geliefert, so waren doch die natürlichen Seide als letztes Ziel die Er-
mechanischen und färberischen Eigenschaf- kenntnis der Natur der Faserstoffe; sie ist
ten meistens ähnlich; die Kunstseide da- die Voraussetzung jedes weiteren Fort-
gegen war zunächst fast in jeder Partie Schritts.

andersartig; kein Wunder, denn man hatte Welchen Wert hat dies alles für den Werk-
ja kaum eine Ahnung von dem, was man bund? Ist die logisch-analytische Betrach-
heute unter „Feinbau" der Faserstoffe ver- tungsweise unserer Wissenschaft nicht ge-
steht. So wurde gleichzeitig mit der zu- rade das Gegenteil seiner künstlerischen Be-
nehmenden Bedeutung der Kunstseidenfa- strebungen? Nun, sein Ziel ist ja einmal die
brikation unsere Unwissenheit offenbar, Qualitätsarbeit, das anderemal die Anpas-
denn es zeigte sich, daß eine jede technisch sung des Künstlers an die Eigentümlichkeit
verwendete Naturfaser ihre wertvollen seiner Werkstoffe. Daß besonders durch
Eigenschaften einem ganz bestimmten Auf- die Kunstfasern neue Möglichkeiten in die-
bauprinzip verdankt und daß es gar nicht sen Bichtungen entstanden sind, ist zweifel-
so einfach ist, der Natur dieses ihr geläufige los. Ebenso aber, daß auch die Forschungs-
Kunststück nachzumachen. Daß es doch in tätigkeit der Förderung von Qualitätsware,
verhältnismäßig kurzer Zeit gelang, hier der Bekämpfung minderwertigen Ersatzes
wesentliche Fortschritte zu erzielen, ist der in erster Linie gilt. Und wenn wir zugeben,
beste Beweis für die Berechtigung und Not- daß stets zu künstlerischer Betätigung die
wendigkeit wissenschaftlicher Forschungs- handwerkliche Beherrschung einer be-
arbeit; daß wir trotzdem aber erst im An- stimmten Technik gehört, daß, um mit
fang einer großen Entwicklung stehen, ist einem Künstler zu sprechen, „Kunst von
ebenfalls sicher. Die andauernde Erfindung Können kommt", so glauben wir auch, daß
neuer Kunstfasern — es sei nur kurz an die die wissenschaftlichen Ziele der Forschung
Azetatseide, die sog. Luft- oder Böhrchen- und die künstlerischen des Bundes sich
seide, sowie an die Travisseide der Köln- nicht widersprechen, sondern fördern. Beide
Bottweil A.-G. erinnert — kennzeichnet zur Bichtungen werden in ihrer Art die Indu-
Genüge diese Zeit der Versuche. Sie ist ge- strie unterstützen und damit am wirtschaft-
rade für die Seidenindustrie von allergröß- liehen Erfolg mitarbeiten, der wiederum
ter Bedeutung und eröffnet daher auch der ihnen neue Entwicklungsmöglichkeiten gibt.

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