Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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den Naturforscher ärgerlich sein, für den
Künstler ist diese Farbenlehre immer noch
die einzig fruchtbare.

Ist diese Kritik der Ostwaldschen Lehre
richtig, so sind die Folgerungen weittragend
genug. Dann verbietet sich jede Anwen-
dung der Theorie auch auf denjenigen Ge-
bieten, die erst in der Nähe einer eigent-
lichen Kunstübung liegen. Um einmal von
den Fragen des uns gerade hier nahe be-
rührenden Texiiigewerbes zu reden: nie-
mand wird versuchen, einen Stoff nach den
Rezepten Ostwalds zu färben, wenn er eine
wirklich lebendige Wirkung erzielen will.
Freilich braucht man ja nur irgendeinen
in der Farbe schönen und reichen Stoff zu
betrachten, um zu erkennen, daß darauf
keine der Ostwaldschen Regeln paßl.
Gerade hier wird es deutlich, wie unter
Umständen eine geringe Anzahl von stark-
farbigen Fäden, in ein sonst mattfarbiges
Gewebe eingestreut — was man nach Ost-
wald niemals tun dürfte — den ganzen
Stoff belebt, weil eben von diesen starkfar-
bigen Fäden das Leben auf alles andere
überstrahlt, ohne daß die wirkliche Farbe
dieser Fäden als solche unmittelbar in die
Erscheinung zu treten braucht. Und wenn
man sieht, wie viele Gewebe von schöner
und lebendiger Farbigkeit alljährlich ent-
stehen, so darf man glauben, daß trotz aller
Geschmacklosigkeiten, denen man sonst auf
dem Gebiete der Farbe begegnet, doch der
unmittelbare Farbensinn noch keineswegs
ausgestorben ist und daß es deshalb nur
unsere Aufgabe sein kann, diesen Farben-
sinn weiter auszubauen, nicht aber eine ganz

neue Grundlage für die Farbenkunst zu
schaffen.

Durch diese Feststellungen wird nun frei-
lich auch die rein praktische Rcdeutung der
Ostwaldschen Farbenlehre stark berührt.
Selbstverständlich ist es von nicht geringem
Werte, wenn auf Grund der Ostwaldschen
Ordnung der Farbtöne nunmehr jede ein-
zelne Farbe genau bezeichnet werden kann.
Für den Verkehr ergeben sich hieraus
wesentliche Erleichterungen. Aber in dem
Augenblick, wo es sich um die lebendige
Anwendung von Farben nebeneinander und
um die Verwirklichung dieser Farben an
verschiedenen Stoffen handelt, ist mit der
Rezeichnung der Farbe nach dem Ostwald-
schen Farbatlas nicht viel gewonnen. Mögen
die Farbtöne, die man nach dem Farbatlas
ausgesucht hat, um sie zur Gestaltung eines
Innenraums zu verwenden, noch so gut zu-
sammenpassen; in dem Augenblick, wo sie
nun an Ort und Stelle in den und den
Maßen, in der und der Releuchtung aufein-
ander wirken, kann die harmonische Schön-
heit verschwunden sein. Und vor allem
gilt die Ostwaldsche Farbenordnung nur für
das Papier, auf dem die Farbe mit genauer
Rezeichnung festgelegt ist. Denn die Farbe
verändert ihre Natur, je nachdem sie auf
einem stumpfen oder glänzenden, rauhen
oder glatten, edlen oder gemeinen Stoffe
verwirklicht wird. Das Licht beginnt zu
wirken, die Farbe ist aufgenommen in das
Reich des Lebendigen. In diesem Reiche
aber ist für eine Ordnung, die rein dem
mechanischen Geiste entsprungen ist, kein
Platz. W. Riezler

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