Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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gewaltsamen Entwicklung so gut wie völlig ge-
schwunden sind. Fast alles, was hier gezeigt
wurde, legt Zeugnis ab von einem echten hand-
werklichen Können und beweist damit, daß die
Hoffnung auf die Heranbildung eines neuen
Handwerks nicht trügerisch gewesen ist. Freilich
hat dieses Handwerk, das wird auch hier wieder
deutlich, mit dem früheren Handwerk, von des-
sen Wiedergeburt so viel geredet wird, nicht viel
gemein. Es erwächst auf einem anderen Boden,
auf dem des persönlichen, bewußt und sorgfältig
ausgebildeten künstlerischen Talents. Es sind bis
jetzt noch nicht die geringsten Anzeichen dafür
vorhanden, daß dieses neue Formgefühl etwa so,
wie es früher geschah, auf die Allgemeinheit der
Handwerker überstrahlen könnte. Es sind indi-
viduelle Höchstleistungen, bestimmt für die Be-
dürfnisse einer kulturellen Oberschicht. Daß es
diese Schicht noch gibt, daß überhaupt noch ein
Bedürfnis nach handwerklich geformten Dingen
besteht, das ist tröstlich genug, wie es auch höchst
erfreulich ist, wie rasch die Verschmelzung des
neuen Formgefühls mit dem handwerklichen Ar-
beitsvorgang und die Wiederbelebung alter ver-
lorener oder verkommener Handwerksleclmiken
gelungen ist. Die Webereien, Metall- und Email-
arbeilen, vor allem aber die Keramiken sind gro-
ßenteils heute bereits so hohen Ranges, daß sie
den Vergleich mit den Erzeugnissen glorreicher
alter Handwerkskulturen kaum mehr zu scheuen
brauchen. Wenn an dem Neuen noch etwas fehlt,
so ist es in den meisten Fällen weniger die Quali-
tät, als der Zauber des Unbewußten und das Ge-
heimnis des überindividuellen Stils. Dahin wer-
den wir freilich kaum jemals mehr gelangen.

Noch eine andere Feststellung ist wichtig, nicht
wenige der ausgestellten Dinge reichen über das
Gebiet dessen, was man „Kunstgewerbe'' zu nen-
nen pflegt, weit hinaus. Auch wenn man den
Begriff „Kunstgewerbe" noch so weit faßt, ist
es nicht mehr möglich, ein Stück wie den Wissel-
schen Kruzifixus noch als dahingehörig zu be-
trachlen. Man kann violleicht sagen, daß manche
Einzelheit an diesem Werke noch etwas „kunst-
gewerblich" empfunden ist, und wird damit nichts
zum Lobe des Werkes sagen wollen. Im ganzen
aber ist diese Arbeit so gut ein Werk der „freien"
oder „.hohen" Kunst, wie irgendeine andere pla-
stische Figur, von der sie sich nur dadurch unter-
scheidet, daß der handwerkliche Vorgang deutlich
zu erkennen ist, so daß sich das Werk in den Zu-
sammenhang richtiger Klempnerarbeit einordnet.
Bei den Arbeilen von Ludwig Gies, vor allem bei
den Elfenbeinschnitzereien und bei dem in Klin-
kerton gebrannten „Lamm", ist diese Bindung an
das Handwerkliche noch deutlicher, dabei aber
der künstlerische Gehalt noch reicher und die
Formgebung noch freier von dem eigentlich
„kunstgewerblichen". Wenn Bruno Paul für die
Ausstellung den problematischen Namen „Werk-
kunst" wählte, so tat er es wrohl in der Absicht,
diese Bindung an das Handwerk möglichst stark
hervortreten zu lassen und dabei die Beschrän-

kung auf das reine Kunstgewerbe zu vermeiden.
Jedenfalls ist die Tatsache, daß das freie künst-
lerische Schaffen wieder wie in früheren Zeiten,
die engste Bindung mit dem handwerklichen Vor-
gang eingeht, so daß sozusagen das Handwerk in
die freie Kunst hineinwächst, von der größten Be-
deutung, und es ist nun nicht nur theoretisch,
sondern auch an der Hand des realen künstleri-
schen Schaffens praktisch zu beweisen, wie sinn-
los die immer wieder versuchte scharfe Trennung
zwischen „angewandter" und „freier" Kunst, die
Zurückdrängung der Kunstgewerbeschule heute
bereits geworden ist. So ist auch diese Ausstel-
lung ein Beweis dafür, wie richtig es war, die
Berliner staatlichen Kunstschulen unter einer Lei-
tung zu vereinigen.

Unter den ausgestellten Gegenständen nehmen Ar-
beiten der deutschen Kunst- und Kunstgewerbe-
schulen einen verhältnismäßig großen Raum ein.
Der Anteil wird noch bedeutender, wenn man be-
rücksichtigt, ein wie großer Teil der übrigen Ar-
beiten von solchen Kräften herrührt, die entweder
aus Kunstgewerbeschulen hervorgegangen oder dort
heute noch als Lehrer tätig sind. Es ist deutlich zu
sehen, daß die führenden deutschen Kunstge-
werbeschulen im ganzen auf dem richtigen Wege
sind. Jedenfalls wäre es nicht möglich, von Schü-
lern der deutschen Akademien eine ähnlich große
Anzahl von wirklich lebendigen Arbeiten zusam-
menzubringen. (Die letztjährige Ausstellung der
deutschen Akademie in Düsseldorf hat das deut-
lich genug gezeigt.) Immerhin sollen auch einige
Bedenken nicht verschwiegen werden. In man-
chen Klassen ist offenbar der persönliche Ein-
fluß des Lehrers so groß, daß darunter die freie
Entwicklung der Schüler zu leiden scheint. Dies
ist nicht ganz unbedenklich, denn immer noch
spielt gerade bei den stärksten Leistungen heute
das Subjektive eine so große Rolle, daß sich die
daraus gewonnenen Formen nicht ohne weiteres
auf die „Schule" übertragen lassen. Und wenn
weiterhin auch zweifellos der überraschend schnell
geförderte Ausbau des echten Werkstättenbetriebes
an den Schulen sehr erfreulich ist, und eine wirk-
lich gesunde Entwicklung der neuen Schule über-
haupt ermöglicht, so liegt auch darin unter Um-
ständen eine gewisse Gefahr: es scheint so, als
wenn es doch einstweilen nicht empfehlenswert
wäre, diese Werkslällen zu womöglich wirtschaft-
lich erfolgreichen Betrieben auszubauen, wenig-
stens liegt die Gefahr nahe, daß dadurch die
gründliche Ausbildung der Schüler, die doch vor
allem auch auf eine möglichst große Vertiefung
gerichtet sein muß, Schaden leide. Da aber ande-
rerseits unbedingt anzustreben ist, daß die Schüler
ihr Können an realen Aufgaben erproben, nicht
nur technische Versuche machen, so stehen wir
vor einem Dilemma, dessen Auflösung nicht ganz
leicht sein wird. Jedenfalls liegt hier eine Schwie-
rigkeit, deren Beseitigung jedem am Herzen lie-
gen muß, der sich wirklich ernsthaft um die Er-
ziehung des kunstgewerblichen und handwerk-
lichen Nachwuchses kümmert. W. Riezler

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