Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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wenn er die Kunstschulen mit der Gesamt-
heit der Fach- und Berufsschulen zusam-
menfaßt. Die Schwierigkeiten, die einer
Gemeinschaft von staatlichen und städti-
schen Schulen entgegenstehen, kenne ich
aus der Nähe; ich unterschätze auch nicht
die Starrköpfigkeit der beruflichen Ver-
bände ; und doch müssen wir den Mut auf-
bringen, das scheinbar Unmögliche zu for-
dern, wenn wir sehen, daß der Sache mit
den leicht erreichbaren Möglichkeiten nicht
geholfen ist.

Das Wort Kunst sollte bei diesem Aufbau
des staatlichen Schulwesens gar nicht ge-
braucht werden ; die Maler, Zeichner, Bild-
hauer (um nur von den freien Künsten zu
reden) sind so bürgerliche Gewerbe wie
jedes andere. Die Bezeichnungen: Lehr-
ling, Gehilfe, Meister müssen den falschen
Glanz ihrer Meistersinger-Romantik verlie-
ren und auch in den sogenannten künstleri-
schen Berufen wieder zur nüchternen
Wirklichkeit werden.

Als Unterbau des gesamten Kunslschul-
wesens brauchen wir die Pflichtabteilung
der Berufsschulen, die nach dem Vorbilde
Münchens auszubauen sind. Dort bekommt
jeder Lehrling, der im übrigen bei seinem
Meister arbeitet, an einem Tage in der
Woche oder an zwei halben Wochentagen
nicht nur gewerblichen Fortbildungsunter-
richt (Realien und Zeichnen); er findet

da auch in den vorbildlich eingerichteten
Schulwerkställen die gerade in den großen
Städten immer nötiger werdende Ergänzung
der Meisterlehre. Dieser Unterricht ist nach
Schuljahren aufgebaut und umfaßt die
ganze drei- bis vierjährige Lehrzeit.
Daneben brauchen wir aber eine Lehrlings-
ausbildung, in der die Meislerlehre nicht
durch die Berufsschule ergänzt, sondern
durch die Fachschule ersetzt' wird. Die
Schüler haben mit der Fachschulleitung den
Lehrvertrag abzuschließen und sie müssen
sich nach vierjähriger Schulzeit vor der
Handwerkskammer der Gehilfenprüfung
unterziehen. Neben die schon bestehenden
Fachschulen, die zumeist nur einem Ge-
werbe dienen, treten die bisherigen Kunst-
gewerbeschulen als eine neue Art von Fach-
schulen, die verschiedenartige Lehrwerk-
stätten vereinigen. Dem Schüler wird hier
in einer Vorklasse Gelegenheit gegeben,
sich für ein bestimmtes Gewerbe zu
entscheiden. Den Schulen muß gestattet
werden, in einem klar abzugrenzenden
Umfang Aufträge anzunehmen und aus-
zuführen, damit die Schüler wirklich
zu praktischer Arbeil kommen. Wenn
sich die beruflichen Verbände gegen
die Ausbildung besonders begabter Lehr-
linge in den Schulen sträuben, werden
wir bald gezwungen sein, die qualifi-
zierten Handwerker aus der Schweiz und

SCHRIFTBILD

Klasse Poetter. Kunstgewerbe-Schule Essen

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