Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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unscheinbaren und dennoch wertvollen
Dinge verwenden. Daß dabei — neben ern-
ster, von fächlich geschultem Geiste getra-
gener Arbeit, für die unter anderem etwa
das von Prof. Seyffert geleitete Volks-
kunstmuseum in Leipzig besonders be-
zeichnend ist — viel gutgemeinter Di-
lettantismus mit unterläuft, ist nicht
weiter wunderbar. Entstehen doch die
meisten dieser Heimalmuseen aus dem Ide-
alismus von Autodidakten, die nicht allzu
viel von der Welt gesehen haben und
manchmal in dem Übermaß ihrer Heimat-
liebe alles, auch das Gleichgültigste für
wichtig halten. Da wäre es in der Tat sehr
verdienstlich, wenn einmal dieses ganze
Problem des der Volkskunst gewidmeten
Heimatmuseums in einer großen Ausstel-
lung behandelt und der Klärung näherge-
führt würde, indem man dort möglichst
vollständige Proben von all dem, was wirk-
lich der Erhaltung wert ist, aus den ver-
schiedenen Heimatmuseen zusammentrüge,
um auf diese Weise einen Überblick über
das weite Gebiet zu ermöglichen und den
Leitern der kleinen Heimatmuseen Ge-
legenheil; zu geben, ihren Gesichtskreis zu
erweitern. Wir wüßten kaum jemand, der
dazu geeigneter wäre, als der Reichskunst-
wart, der seine Vertrautheit mit diesen Fra-
gen und sein Wissen auf dem Gebiete der
Volkskunst schon hei den verschiedensten
Gelegenheiten bewährt hat. Allerdings wäre
eine solche Ausstellung rein rückschauend
gerichtet und unterschiede sich daher
wesentlich von den sonst heute üblichen
Ausslellungen, deren Schwerpunkt immer
auf den Fragen der Gegenwart zu liegen
pflegi und die höchstens zum Vergleiche
auch Vergangenes mit heranziehen. Aber
dieser Grundsatz könnte sehr gut wieder
einmal durchbrochen werden, nachdem wir
schon einmal aus der rein historisch gerich-
teten islamischen Ausstellung in München
im Jahre 1911 eine höchst werlvolle kul-
turelle Anregung schöpfen durften.
Nun lesen wir aber in der Denkschrift des
Reichskunstwarts, daß diese große Volks-
kunslausslellung gar nicht der Vergangen-
heit, sondern der Gegenwart gewidmet sein
soll. Sie soll das zeigen, was heute auf dem
Gebiete der Volkskunst in Deutschland
noch entsteht, und soll darüber hinaus dem

in der Wetterwendigkeit der Mode und in
der entseelenden Mechanisierung befange-
nen Menschen unserer Tage ins Bewußtsein
hämmern, daß hier die tiefsten Werte unse-
res Volkstums und damit unserer lebendi-
gen Existenz überhaupt zu suchen sind:
„Bedroht und verrottet ist der Erbbesitz des
Könnens und damit die Grundlage aller

gestaltenden Arbeit unseres Volkes.....

Es geht um brennende Lebensfragen unse-
res Volkes, um die Erhaltung seiner Eigen-
art und Leistungsfähigkeit, es geht um die
Grundbedingungen seiner Gestaltungskraft
und somit letzten Endes um die Mutter-
sprache der deutschen Hand." In dieser
Formulierung des Programms liegt etwas
Überraschendes. Dahinter steht der Glaube,
daß es eine lebendige Volkskunst in großem
Umfange noch gibt — sonst würde man
wohl nicht wagen, eine ganze große Jahrcs-
schau diesem Thema zu widmen —, ja es
hat geradezu den Anschein, als oh mit die-
ser Ausstellung dem deutschen Volke die
Schicksalsfrage gestellt und zugleich beant-
wortet werden solle.

Mit der Frage nach dem Wesen der Volks-
kunst haben wir uns schon einmal im ersten
Hefte dieses Jahrgangs beschäftigt („Volks-
kunst und Kunslhandwerk" von Dr. Lötz).
Den dortigen Untersuchungen und Fest-
stellungen ist nur wenig hinzuzufügen.
Wenn sich auch der Begriff der Volkskunst
einer genauen Definition entzieht, so dürfte
wohl soviel feststehen, daß man mit „Volks-
kunst" nur dasjenige bezeichnen kann, was
aus der Lebensform des einfachen Volkes
als natürlicher und naiver Ausdruck einer
inneren Gestaltungskraft sozusagen von
selbst — aber nicht etwa ohne Anregungen
aus der hohen Kunst, sondern im Gegenteil
nur als eine Art naiver Nachahmung und
Primitivisierung — entsteht. Es ist sehr zu
beachten, daß nach dem übereinstimmenden
Gebrauch des Wortes nicht etwa alles, was
vom deutschen Volke geschaffen wurde,
unter den Begriff „Volkskunst" fällt, daß
vielmehr alles das, was von den großen Mei-
stern und deren Schulen auf dem Gebiete
der Baukunst, der Malerei und Plastik, aber
auch des Gewerbes, geschaffen wurde,
außer Betracht bleibt. Zum Wesen der
Volkskunst gehört, wie zu dem des Volks-
liedes, die Anonymität, das Fehlen indivi-

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