Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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maligcn Kosten. Nun kommt die Bewirtschaftung.
Wo bleibt die Erholung der Hausfrau, wenn man
im Wochenende mit kompletter Küche auf keine
der gewohnten Bequemlichkeiten verzichten will?
Wo bleibt die anregende unjd erfrischende Wirkung
einer zeitweiligen Rückkehr in primitive Verhält-
nisse bei allen diesen Häusern, die mit Elektrizi-
tät, Gas und Wasserspülung gedacht sind?
Der wirtschaftliche und soziologische Unsinn die-
ser Angelegenheit wird sich von selbst binnen kur-
zem herausstellen. Natürlich wird es Einzelfälle
geben, in denen solche Häuser gekauft, aufge-
stellt und gebraucht werden. Im allgemeinen aber
wird man sagen können, daß diejenigen Schich-
ten, die sich eine solche Ausgabe von (in Wahr-
heit) 4000 bis 12 000 Mark leisten können, mit
ihrem Geld meistens etwas Gescheiteres anfangen
werden als sich für Wochenende und Ferien ein
für alle Mal an einen bestimmten Fleck Erde zu
binden, und dabei doch immerhin ein gewisses
Mindestmaß von Einschränkung und Unbequem-
lichkeit auf sich zu nehmen. Wer den städtischen
Lebensgewohnheilen entfliehen will, wird vor-
ziehen, zu Fuß oder im Boot beweglich zu sein;
wer Bequemlichkeil braucht, wird sich überlegen,
daß ein Auto, das ihn jeden Sonnabend anders
wohin tragen kann, heute nicht teurer ist als ein
Wochenendhaus, und dazu noch die Woche über
in vielen Fällen geschäftlich verwertet werden
kann.

Nur nebenbei sei erwähnt, daß der Gedanke des
Wochenendhauses, wenn er in größerem Maßstäbe
Ausbreitung gewinnen sollte, boden- und sied-
lungsrechtlich auf die größten Schwierigkeiten
stoßen müßte und erhebliche rechtliche Neuge-
staltungen erfordern würde. Dies ist auch am
Grundstücksmarkt nicht genügend beachtet wor-
den, als — eine interessante Auswirkung der
Wochenendausstellung! — die Parzellenpreise in
weitem Kreis um Berlin rapide in die Höhe
gingen.

Unter Gesichtspunkten der Siedlung betrachtet,
hat die Angelegenheit aber auch noch eine andere
sehr ernste Seite. Es wird hier dem unbefriedig-
ten Wohnungsbedürfnis des deutschen Volkes ein
scheinbarer Ausweg geöffnet, der in Wahrheit ein
Holzweg ist. Eine umfangreiche Errichtung von
Wochenendhäusern würde Sparkapitalien binden,
die schon jetzt oder in nicht allzu langer Zeit aus-
reichen würden, um als Anzahlung und Grund-
kapital für ein wirkliches Wohnhaus zu dienen;
sie würde ferner den Grund und Boden in der
Umgebung unserer Großstädte, der für die so
dringend notwendige Auflockerung unserer viel
zu engen Wohnsiedlungen erforderlich ist, vor-
weg zu andern Zwecken, außerhalb einer plan-
mäßigen Wohnungs-Politik, beschlagnahmen, und
würde schließlich den Verkehr und die Verkehrs-
bauten in falsche Richtungen lenken. Vor einer
solchen Fehlentwicklung ist um so dringender zu
warnen, als sowohl in den Fragen des Städtebaues
wie auf dem Gebiet der Verbilligung und Rationa-
lisierung des Wohnungsbaues die Dinge eben jetzt

stark im Fluß sind. Das kommende preußische
Slädtebaugesetz wird voraussichtlich nur ein erster
Schritt auf dem Wege zur Sanierung und durch-
greifenden Plangestaltung unserer Großslädle sein.
Und ob wir nun im Wohnungsbau zum Slahlhaus
kommen, das die Vereinigten Stahlwerke schon
jetzt zu 6000 Mark für das Vierzimmerhaus an-
bieten, oder zu irgend einer anderen Fabrikalions-
methode mit ähnlichem wirtschaftlichem Ergebnis

— jedenfalls werden die Preise der Wochenend-
häuser auf der Ausstellung schon in einigen
Jahren als grotesk erscheinen gegenüber dem
Preise, zu dem man dann eine komplette Dauer-
wohnung haben kann. Dr. A. Schwab

Fachschulen

Sehr geehrter Herr Kampmann'
Darin stimme ich durchaus mit Ihnen überein,
daß auch schöpferische Kräfte an Tcxtilfach-
schulen befähigt sein können, den Nachwuchs für
das Texiiigewerbe groß zu ziehen. Der Beweis
hierfür ist durch eine Anzahl Textilfachschulen

— auch in Krefeld — erbracht.

Aber eine schöpferische Kraft — für mehrere
führende Künstler ist schon aus materiellen Grün-
den an einer Webeschule kein Platz — genügt
nicht für eine Ausbildung, wie sie für den Nach-
wuchs in der Seidenweberei erstrebt werden muß.
In meinem Aufsatz wies ich darauf hin, daß in
der Seidenweberei sowohl von dem Zeichner, als
auch von dem in gehobener Stellung Tätigen, eine
allgemeine künstlerische Ausbildung verlangt
werden muß. Diese Ausbildung kann m. E. nur
in einer Kunstgewerbeschule erzielt werden:
Neben einem oder mehreren Künstlern, die sich
vorzugsweise dieser Aufgabe widmen, können dort
auch weitere Kräfte mit Erfolg herangezogen wer-
den, die sich sonst auf anderen Gebieten beschäf-
tigen. Ferner ist das in der Kunstgewerbeschule
zur Verfügung stehende Lehrmaterial von großer
Bedeutung. Es kommt, als nicht unwesentliches
Moment, noch hinzu, daß die Umgebung und der
Geist in einer Kunstgewerbeschule auf die ge-
schmackliche Ausbildung einen ganz anderen Ein-
fluß auszuüben vermögen, als dieses in einer sich
fast ausschließlich mit technischen Dingen be-
schäl'ligenden Webeschule der Fall sein kann.

Mit vorzüglicher Hochachtung!

Alex Oppenheimer

Anschriften der Mitarbeiter dieses Hefles:

H. de Fries, Architekt, Werder a. d. Havel, Chausscestraße n?b.

Dr. Else ^feissner, Geschäftsführern! der Sächsischen Landcsstelle
für Kunstgewerbe und wissenschafü. Mitarbeiterin der Staall.
Kunstgewcrbcbibliolhek, Dresden, Marschnerstraße Jl.

Otto Bmir, Berlin S\Y II, Küniggrätzer Straße 28.

Dr. A. Schwab, Berlin SN 68, Markgrafonstraße 70.

Alex Oppenheimer, i. Fa. Audiger und Meyer, Krefeld.

Dr. Th. Met:, Syndikus der Niederländischen Handelskammer für
Deutschland, Dozent für Niederländische Wirtschaftskunde an
der Universität Frankfurt a.M., Schwindstraße 18.

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