Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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meine Niveau, und er wird mit zehn Sätzen
die geistige Führung der ganzen Versamm-
lung an sich zu reißen vermögen. Die Ver-
sammlung wird spüren, daß nicht die Quan-
tität der Kräfte und nicht die Quantität der
geistigen Energie ihr fehlte, sondern, daß
es ihr an der Führereigenschaft eines ein-
zigen Geistes gebrach, der diese Kräfte
neuen Zielen zuzulenken, der diese Ener-
gien aufwärts zu weisen vermochte. Stellen
wir uns den Weltmarkt als eine Versamm-
lung vor, dann können wir, was wir soeben
von der Person sagten, auf die Sache an-
wenden und schließen:

Dem Weltmarkt fehlt nicht die Fülle der
Ware, ihm fehlt vielmehr die bessere Eigen-
art der Ware, die Ware, die ein neues
Muster darstellt, die der allgemeinen
Warenproduktion neue und höhere Ziele
zuweist. Es ivird nicht für Deutschlands
Zukunft entscheidend sein, ob sie die
Warenquantität des Weltmarktes zu ver-
doppeln oder zu verdreifachen vermag, es
wird vielmehr für Deutschland ausschlag-
gebend werden, ob es mit Qualitätsware, mit
Führerware, mit Musterware auf den Welt-
markt wird hinausgehen und durch Quali-
tät die Quantität zu überwinden vermag.

GEDANKEN UBER DIE FORMGEBUNG
IM LOKOMOTIVBAU

Die Gestallung einer Maschine ist stilrein,
wenn sie den zielbewußten Willen des Er-
bauers zum Ausdruck bringt, mit vollkom-
mensten, mithin einfachsten und wirt-
schaftlichsten fachgerechten Mitteln den
gefaßten Plan zu verwirklichen. Ihre
Schönheit beruht auf technisch-wirtschaft-
licher Vollkommenheit, ihre ästhetische
Wirkung ist lediglich auf folgerichtige
Durchbildung der Zweckform zurückzu-
führen.1) Je klarer dieser Gedanke verfolgt
ist, um so sinnfälliger weist die Form-
gebung auf die Eigenschaf len der Maschine
hin. Ästhetisch einwandfrei ist eine Ma-
schine also dann, wenn sich ihre Eigen-
schaften aus der Erscheinung herauslesen
lassen und in der Gestaltung und Ein-
fügung eines jeden Einzelteiles wieder be-
tont werden. Hiermit sind die Abhängig-
keiten zwischen Technik und Ästhetik auf
eine Formel gebracht, welche es auch dem
Laien ermöglicht, die Formgebung der Ma-
schine zu beurteilen.

Zweifellos ist die Dampflokomotive dieje-
nige Maschine, welcher im weiten Gebiete
des Maschinenbaues die günstigsten Vor-
aussetzungen für eine befriedigende ästhe-
tische Wirkung zu eigen sind. Ihr grund-
sätzlicher Gesamtaufbau ist für den Be-

!) „Die Form" 192G, Heft C, Seite 113

schauer leicht verständlich: Im Kessel wird
der Kraftträger, der hochgespannte Dampf,
erzeugt; er bewegt in den Dampf Zylindern
die Kolben, welche über die Kolben-,
Treib- und Kuppelstangen hinweg die
Kraftwirkung auf die Treib- und Kuppel-
räder übertragen und somit die Lokomotive
in Bewegung setzen; als Verbindungsglied
zwischen Kessel und Triebwerk dient der
Bahmen, der einerseits die Last des Kes-
sels aufzunehmen, andererseits die Zug-
kräfte von den Treibrädern nach dem Zug-
haken zu leiten hat. Die Lokomotive ist
eine in sich geschlossene Einheit, welche
die Krafterzeugung (den Dampfkessel), die
Kraftübertragung (die Kraftmaschine) und
die Kraftauslösung (die Arbeilsmaschine)
gleichzeitig in sich birgt. Das Auge ver-
folgt förmlich den Kräftefluß von der
Feuerung über die Dampferzeugung, das
Triebwerk, die Treibräder und den Bahmen
hinweg bis zum Zughaken, von dem der
angehängte Wagenzug milgeführt wird; es
verfolgt auch den senkrechten Kräftefluß,
der durch die Überleitung des schweren
Kesselgewichles auf die Kesselträger, den
Bahmen, die Achsen und Bäder und
schließlich die Schienen entsteht. Die
Haupteigcnschaflen der Maschineneinheit
und diejenigen der Einzelteile sind somit

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