Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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Werner Sombart2) verweisen, der ursprünglich zu
einem der schärfsten Verfechter der Verelen-
dungstheorie für das Handwerk gehörte. Aller-
dings, meine Damen und Herren, das Handwerk
von heute ist ein anderes als das Handwerk um die
Mitte des vorigen Jahrhunderts. Mag immerhin
noch unter der Ungunst der heutigen wirtschaft-
lichen Verhältnisse mit ihren drückenden wirt-
schaftlichen und sozialen Lasten ein zahlenmäßig
bedeutender Teil des selbständigen Handwerks
mehr auf dem Boden der älteren Handwerkswirt-
schaft stehengeblieben sein, so ist ein sehr be-
trächt.icher Teil mit der wirtschaftlichen Entwick-
lung bereits mitgegangen. Es hat sich ein tief-
gehender Umwandlungsprozeß im Handwerk voll-
zogen, der gekennzeichnet wird durch die An-
wendung neuzeitlicher Arbeits- und Organisations-
methoden und neuzeitlicher technischer und kauf-
männischer Hilfsmittel. Ich bin überzeugt, daß
diese Entwicklung im Handwerk von heute nicht
hallmacht, sondern für das Handwerk von mor-
gen noch weitere Fortschritte machen wird. Es
wäre volkswirtschaftlich vollkommen falsch ge-
dacht, wenn man annehmen würde, daß in der
Zukunft nur ein einziges uniformes Wirtschafts-
system herrschen würde. Das würde aller bis-
herigen Erfahrung, aber auch dem Wesen der
wirtschait-iehen Entwicklung widersprechen. Die
Wirtschaftsgeschichte läßt erkennen, daß die Zahl
der in einer bestimmten Zeitspanne angewendeten
Wirtschaltsmethoden sich immer reicher gestaltet.
Um mit Werner Sombart zu reden, so treten wie
in einer Fuge neue Stimmen zu den schon vorhan-
denen, ohne daß die alten aufhören zu klingen.
Auch in der Zukunft werden die Wirtschaftsarten,
die wir heute feststellen können, weiter bestehen;
mit welchem Anteil an der gesamtwirtschaftlichen
Bedarfsdeckung, mit welcher inneren Gestaltung
ihres Betriebssystems, das läßt sich heute selbstver-
ständlich mit Bestimmtheit nicht vorhersagen.
Und so wird auch das Handwerk weiter bestehen,
nachdem es den Umslellungs- und Läuterungs-
prozeß abgeschlossen haben wird, in dem es sich
heute noch befindet. Dieser Prozeß ist nicht nur
wirtschaftlich-technischer Art, er ist vielmehr
stark beeinflußt von ethischen Gründen berufs-
sländischer Verpflichtung des einzelnen gegen-
über seinem Stande und der Verpflichtung des
Berufsslandes gegenüber der Volksgemeinschaft.
Diesen Wandlungsprozeß könnte im Sinne kul-
tureller Veredelung des handwerklichen Schaffens
der Werkbund zu einem guten Teile fördern,
wenn er sich in seiner Arbeit dem Wesen und den
Bedürfnissen des heutigen Handwerks anpassen
könnte.

Gestalten Sie mir, meine Damen und Herren,
einige kurze Bemerkungen über die derzeitige
wirtschaftliche Struktur und über die Funktionen
des Handwerks. Für ins Einzelne gehende Nach-
weisungen dieser Art dürfte ihnen die Geduld und

2) Werner Sombart. „Das Wirtschaftsleben im Zeitalter defl Hoch-
kapitalismus" (Der moderne Kapitalismus. 3. Band). Verlag
Duncker iS: llumblot, 1927

mir infolgedessen die Zeit fehlen. So muß ich für
heute an Ihren guten Glauben appellieren.
Das Handwerk3) ist so vielgestaltig in seinen Er-
scheinungsformen und in seiner wirtschaftlich-
technischen Struktur, daß eine allgemein güllige
Begriffsbestimmung hierfür unmöglich ist. Die
volkswirtschaftliche Lehrmeinung halte ehedem
als charakteristische Merkmale des Handwerks
hauptsächlich bezeichnet: Kleinheit des Betriebes,
unmittelbaren Verkauf an den Kunden, lokalen
Absa'.z, das Fehlen maschineller und kaufmänni-
scher Einrichtungen. Diese Merkmale hat die
moderne Entwicklung zur rationellen Betriebs-
führung stark beeinflußt. Auch das Handwerk
hat sich mehr und mehr der neuzeitlichen Arbeits-
und Organiiationsmethoden bemächtigt und sich
die lechnischen Hilfsmittel und kaufmännischen
Einrichtungen dienstbar gemacht. Es ist also nur
bedingt richtig, wenn das Programm Ihrer heuti-
gen Tagung von einem Existenzkampf des Hand-
werks gegen die Mächte der Technik spricht.
Technik ist dem modernen Handwerk nicht nur
Gegner, sondern zugleich auch Bundesgenosse.
Die Hilfsmittel moderner Technik wirken ja nicht
nur im Bunde mit der Industrie gegen das Hand-
werk, sie wirken auch gleichzeitig bei richtiger
Anwendung auf Seiten des Handwerks zur Auf-
rechlerhaltung der Wettbewerbsfähigkeit gegen-
über der Industrie. Immerhin geben zwei
Momente auch heute noch dem Handwerk das
charakteristische Gepräge, nämlich grundsätzliches
Überwiegen der menschlichen über die mechani-
sche Arbeilsleiitung und allseitige Beherrschung
des Arbeitsgebietes durch die im Betriebe beschäf-
tigten Personen (Meister, Gesellen und Lehrlinge),
wodurch zugleich der eigenartige qualifizierte
Ausbildungsprozeß im Handwerk bedingt wird.
Für das Betäligungsgebiet des Handwerks4) kön-
nen wir etwa vier Gruppen feststellen:
In der ersten Gruppe finden wir in Übereinstim-
mung mit der ursprünglichen Tradition des Hand-
werks die Berufszweige, die mit ihren Erzeugnis-
sen hinsichtlich Güte und Menge an ein indivi-
duelles Bedürfnis gebunden sind. Hierher ge-
hören hauptsächlich die Bekleidungsgewerbe, die
schmückenden Gewerbe, die Gewerbe der persön-
lichen Dienstleistungen, ein Teil der mit dem Bau-
gewerbe zusammenhängenden Gewerbezweige.
Die zweite Gruppe umschließt die Berufe, in
denen die Leistung für ein lokal umgrenztes Ab-
satzgebiet bestimmt ist, wo also die Arbeit an
einen bestimmten Ort gebunden ist. Hierher ge-
hören hauptsächlich die Nahrungsmitlelgewerbe,
dann, wenigstens zum großen Teil, das Bauhand-
werk. Hierher gehören auch vorzugsweise die so-
genannten Anbringungsgewerbe, in denen das
Handwerk als Hilfsgewerbe neben die Industrie
tritt überall dort, wo das industrielle Produkt in
örtlicher Gebundenheit dem'individuellen Bedarf
angepaßt werden muß (Gas- und Wasserinstalla-

3) Vergl. F. Zahn: „Handwerk und Wissenschaft" in „Kultur des
Handwerks" I. Heft, Dezember 1926

/)) Vergl. Curtius: „Die Stellung des deutseben Handwerks in der
Gegenwart", Deutsches Handwerksblatt 1927, Heft 15

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