Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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WERKBUND UND HANDWERK

Korreferat zur Rede von Dr. Meusch, von Dr. Riezler
(Nach dem Stenogramm der freigehaltenen Rede umgearbeitet und gekürzt)

Meine Damen und Herren! Es besteht für mich
kein Zweifel, und ich glaube, die Anwesenden
Vierden mir darin beistimmen, daß die Ausführun-
gen, die wir soeben gehört haben, für den Werk-
bund und die Arbeit, die er künftig zu leislen hat,
von geradezu epochaler Bedeutung sind. Ich darf
gleich diejenigen Feststellungen von Dr. Meusch,
die mir besonders wichlig zu sein scheinen, noch
einmal kurz wiederholen, weil sie die Grundlage
für alle Erwägungen unsererseils bilden müssen.
Zum ersten war es für uns höchst überraschend,
zu hören, daß sich das Handwerk seil 1900 in
einem durch den Krieg nur kurz unierbrochenen
Aufschwung befinde!,. Das haben wir vom Werk-
bund nicht gewußt, und daran lag es vor allem,
daß wir uns bisher nicht so eingehend, wie es von
mancher Seile gewünscht wurde, mit den Fragen
des Handwerks befaßt haben. AA ir haben das
Handwerk in der Tat für eine allmählich abster-
bende oder doch durch neue Formen in den Hin-
tergrund gedrängle Wirtschaftsform gehalten, und
wenn wir darin irrten, so dürfen wir es vielleicht
damit entschuldigen, daß das Handwerk selbst
durch sein sehr lautes Klagen in der Öffentlich-
keit den Anschein erweckte, als ginge es ihm
schlecht, und daß auch in der Volkswissenschaft
die Theorie von der'Verelendung des Handwerks
weil verbreitet ist. AVenn nunmehr Werner Som-
bart, bisher einer der bedeutendsten Vertreter die-
ser Theorie, selbst anderen Sinnes geworden ist
und nicht mehr an den Untergang des Handwerks
glaubt, so ist das für uns von der größten Bedeu-
tung. Sombarts neue Theorie von der „wach-
senden Polyphonie des Wirtschaftslebens" scheint
mir nicht nur einleuchtend, sondern auch sehr
wichlig zu sein: wenn wirklich im Wirtschafts-
leben nicht eine Form die andere verdrängt und
vernichtet, wenn vielmehr neben den neu auf-
kommenden Formen alle bestehen bleiben und
ihre Bedeutung bellalten, so sehe ich darin eine
neue und sehr erfreuliche Bestätigung einer viel
allgemeineren Idee: daß es nämlich neben dem
ewigen Wechsel, wie er durch die in immer rasen-
derem Tempo vor sich gehende Entwicklung der
Menschheit erzeugt wird, ein Bleibendes gibt,
das in den ewigen Gegebenheilen der Menschen
begründet ist. Es ist klar, daß sicli aus dieser Er-
kenntnis für den Werkbund die Pflicht ergibt,
sich künftig mit den Fragen des Handwerks auf
das gründlichste zu beschäftigen.
Zum zweiten war es für uns wichtig und zugleich
beruhigend, zu hören, daß es auch einem so er-
fahrenen Kenner wie Dr. Meusch nicht möglieh
ist, zwischen dem Handwerk und den anderen
Wirlschaftsbegriffen, vor allem der Industrie, eine

ganz scharfe Grenze zu ziehen, und daß es sogar
für den Jurisien eine einwandfreie und allgemein
güllige Legaldefinition für das Handwerk nicht
gibt, so daß der Bichter gezwungen ist, von Fall
zu Fall zu entscheiden, ob es sich um Handwerk
oder um eine andere Wirtschaftsform handelt. Es
leuchtet ohne weiteres ein, daß die von Dr. Meusch
angegebene obere Grenze für die Größe eines
Handwerksbetriebes, die Zahl von 50 Gesellen,
willkürlich angenommen ist. Auch aus der For-
derung der allseiligen Beherrschung des Arbeits-
prozesses durch Meisler, Lehrlinge und Gesellen
läßt sich, so wichtig sie ist, wohl kaum eine ganz
scharfe Abgrenzung gewinnen, nocli weniger aus
dem Gesichtspunkt des grundsätzlichen Überwie-
gens der Handarbeit über die Maschine. Immer
bleibt ein mehr oder weniger breiter Grenzbezirk
übrig, dessen Zugehörigkeit zu der einen oder
anderen Wirtschaftsform nicht ganz feststeht.
Aber immerhin bleibt auf beiden Seilen dieses
Grenzbezirks noch ein weites Gebiet von ganz
klarer Struktur übrig, und wir wissen jetzt, daß
wir uns um die beiden Bezirke sehr wohl zu küm-
mern haben, daß es nicht länger angeht, daß wir
uns nur um die Durchdringung der Industrie mit
VV erkbundgesinnung bemühen.
Daß auch die Maschine heule in den Bezirk des
Handwerks gehört, ist zwar nicht neu, aber es
wird allzu leicht vergessen, weil hier, wie oft,
das unabänderlich geprägte Wort der Erkennlnis
eines neuen Talbestandes im Wege sieht. Es hieße,
den Begriff des Handwerks heule willkürlich und
ungehörig einengen, wollte man von ihm die
strenge Beschränkung auf die Arbeit der Hand
fordern. Die Maschine als Werkzeug, das die
Arbeit der Hand vervielfacht und unter Umstän-
den auch vollkommener macht, gehört heule ganz
zweifellos zum reinen Begriff des Handwerks. Und
nicht weniger wichlig ist es, daß auch die aus dem
Großbetrieb stammenden Gesichtspunkte der
Rationalisierung und Mechanisierung, der über-
persönlichen Organisation des Einkaufs und Ver-
kaufs vom Handwerk mit aufgenommen worden
sind, aufgenommen werden mußten, einfach, weil
das Handwerk sonst im Konkurrenzkampf nicht
lebensfähig geblieben wäre.

Wenn nun der Werkbund aus diesen zum Teil
neuen Erkenntnissen die Folgerungen zieht und
nach den Wegen der Zusammenarbeit fragt, so
möchte ich gleich vorausschicken, daß ich hier an
dieser Stelle nichts anderes zu lun kann, als ganz
allgemein die Grundlagen aufzeigen, auf denen
die weitere Erörterung dieser wichtigen Frage ge-
schehen kann. Alles andere muß den Verhand-
lungen überlassen bleiben, die nun, wie ich hoffe,

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