Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

Page: 342
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1927/0352
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
nisvoll halten. Nur wo ein Volk ganz naiv nach
künstlerischer Produktion verlangt, kann eine
lebendige Volkskunst entstehen. Heute richtet sich
jedoch die Naivität, d. h. die unbewußte, trieb-
hafte Stimmung des Volkes auf ganz andere
Dinge, vor allem auf eine Angleichung des Bau-
ern und Arbeiters an den städtischen Menschen,
den man schon nicht mehr recht bürgerlich nen-
nen kann. Ein Beispiel: wenn eine oberbayerische
Bauernlochter sich zu ihrer Hochzeit unter dem
Einfluß des Volkstrachtenvereins ein Hochzeits-
kleid, wie es früher dort üblich war, beschafft, ist
das durchaus unnaiv. Naiv aber, — und zwar im
echten Sinn des Wortes! — ist es, wenn sie
in München im ersten Konfektionsgeschäft ein
modernes Brautkleid kauft. Denn so will es heute
die — unbeeinflußte — Sitte. Nur wer „Naivität"
und „Primitivität" gleichsetzt, kann es für mög-
lich hallen, daß man durch irgendwelche künst-
lichen Mittel heute noch Volkskunst erzeugen
kann. Was dabei herauskommt, ist künstliche
Naivität. Das Schlimmste, was es gibt!
Das Handwerk unserer Zeit hat mit „Volkskunst"
längst nichts mehr zu tun. Deshalb hätte der Be-
schluß des Handwerks- und Gewerbekammertages,
den Plan der Volkskunstausstellung zu fördern,
für uns etwas Überraschendes, wenn wir nicht
aus den Worten von Dr. Meusch erführen, daß
die Ausstellung, an die man in seinen Kreisen
denkt, ein ganz anderes Gesicht hat wie die vom
lleichskunstwart geplante ,,\ Olkskunstausstellung".
Diese Ausstellung, die etwa heißen müßte „Das
Deutsche Volkstum'', erschiene uns durchaus sinn-
voll und der Förderung wert, wenn wir auch zu
bedenken geben müssen, ob es nicht auch seine
Gefahren hat, wenn man versucht, etwa Volks-
bräuche und ähnliche Dinge, die sich als Über-
reste früherer Zeiten noch bis in die Gegenwart

lebendig erhalten haben, ausstellungsmäßig vor-
zuführen. Ich persönlich hielte es für durchführ-
bar, auf einer Ausstellung all das zu zeigen, worin
die deutsche Form heute noch in Erscheinung
tritt. Gerade in einer Zeit, in der sich ein neuer!
Stil, eine neue Lebensform ganz international
durchsetzt, ist es von größtem Interesse, zu zeigen,
daß auch innerhalb eines solchen Stils noch
nationale Unterschiede bestehen, und zwar aucli
da, wo, wie etwa auf der Stuttgarter Ausstellung,
das spezifisch Deutsche am allerwenigsten absicht-
lich betont wird. Auf einer Ausstellung dieser
Art würde meiner Überzeugung nach auch das
Handwerk am allerschönsten in Erscheinung tre-
ten können. Ob sich der Werkbund im Sinn der
Anregung von Dr. Meusch zu einer „kritischen
Mitarbeit" an einer solchen Ausstellung bereit-
finden würde — darüber eine bindende Erklä-
rung abzugeben, bin ich nicht befugt.
Die Begriffe „Handwerk, Kultur und Kunst" fest-
zulegen und voneinander abzugrenzen, wie es
Dr. Meusch als Vorbedingung für die Zusammen-
arbeit fordert, — das, meine Damen und Herren,
würde allein einen ganzen Vortrag ausfüllen, und
vielleicht wäre auch dann noch keine Klarheit er-
reicht. Mir erscheint es fast wichtiger und für
unsere Arbeit fruchtbarer zu sein, wenn wir uns
wieder einmal auf die tiefe Einheit zwischen
Kunst und Handwerk besinnen, und daran den-
ken, daß diese beiden Begriffe nichts sind wie
zwei Erscheinungsformen der ..Kultur", der alle
Arbeit, die wir leisten, dienen muß. Wenn wir
uns dieser Einheit allen menschlichen Strebens
bewußt sind, werden wir, sobald wir uns nun zu
gemeinsamer Arbeit zusammensetzen, am sicher-
sten die Wege finden, auf denen uns beiden, dem
Werkbund und dem Handwerk, Förderung und
Segen erwachsen wird. Walter Riezler

342
loading ...