Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 14.1898-1899

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Ausstellungen und Sammlungen.

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für die Richtung des Geschmackes ist nun Art und Stufe des
Gesehenen. So schönen Ausstellungsräumen, wie wir sie hier
haben, wird es nie an Bildern fehlen, uns aber muß vor allein
daran liegen, daß gerade die guten, gehaltvollen Meister Werke
senden, damit das lebhaft erwachte Interesse gesunde Nahrung
finde. — Wie gesagt, haben wir im allgemeinen keinen Grund zu
klagen. Radierungen von Klinger und W. Ziegler, Gemälde
von L- v. Hofmann, Gude, Kallmorgen, Grethe, F. A.
v. Kaulbach, Petersen, Echtler, Kronberger, Arthur
Kampf, Laszlo und von manchen anderen trefflichen
Künstlern konnten hohen und höchsten Anforderungen Genüge
leisten. In letzter Zeit mar im Museum eine Max Slevogt-
Kollektion. Da war es interessant, Publikum und Kritik zu
beobachten. Das Publikum verhielt sich zumeist ablehnend, die
Kritik rühmte den Münchner
Sccessionistcn lebhaft, und beide
Parteien hatten Recht. Bei einem
Teil der intimeren Kunstfreunde
gilt man freilich für einen schwarzen
Reaktionär, wenn man Slevogts
Malweise tadelt, und gegenüber
vielen jüngeren Künstlern, die
Roheit für Breite halten und feil-
bieten, würde es nicht lohnen,
ein Wort zu verlieren. Anders
bei Slevogt; er hat eine so un-
gewöhnliche Gestaltungskraft, ein
so urwüchsiges Talent, daß man
nur mit Trauern sieht, wie er
sich selbst den Verkauf seiner
Bilder unnötig erschwert und
ihren wahren, von zufälliger Mode
unabhängigen Wert durch bizarre
Ausführung oder vielmehr Nicht-
ausführung herabsetzt. Auch der
bessere Teil der Betrachter, an
moderne Malweise gewöhnt, ver-
mochte doch aus Abneigung gegen
die unvertriebenen Lichter, die wie
Heftpflaster auf den Gesichtern
lagen, gegen schmutzige Fleisch-
töne und manche andere Sonder-
barkeiten nicht zum Kern des Ge-
botenen vorzudringen. Möchte
doch ein freundlicher Gott dem
Künstler die Binde von den Augen
nehmen und ihn lehren, zu seinem
und unserem Besten, sein Bestes
ungetrübt zu geben! — Slevogts
Name ist weiteren Kreisen bekannt,
das gleiche dürfte kaum von einer
Rothenburger Malerin gelten,
über die ich noch in Kürze be-

richten will. Elise Mahler stellte bei Banger eine große
Zahl von Oelgemälden und Aquarellen aus. Die Aquarelle
waren nicht geeignet, Aufmerksamkeit zu erregen, unter den Oel>
bildern aber waren mehrere so warm in der Stimmung, so intim
erlebt und gestaltet, daß sie deshalb besondere Erwähnung ver-
dienen. Eine alte gotische Kapelle, vor derselben in einem
Garten junge frischblühende Obstbäume, fesselte zuerst meinen
Blick. Dann ein Flußufer mit Schilf bei trüber Beleuchtung,
ein strickendes Mädchen in lichter Sommerhelle auf dem Steg
eines Teiches. Dann Rothenburger Idyllen. Eine Frau kniet
auf dem Boden ihres kleinen Stübchens, das Schlaf- und Wohn-
raum zugleich ist. Sie liest Aehren aus und ihr Töchterchen
empfindet dies als ein hochwichtiges Ereignis, dem sie voll Auf-
merksamkeit zusieht. Sonnenschein blickt durchs verhängte Fenster
und hüpft über den alten Ofen, über das große Bett mit dem
roten Neberzug, über den Holztisch und die Oellampe an der
Decke. Bei einer alten Spinnerin ist noch weniger Hausrat. Nur
ein Rabe leistet der Alten, auf dem Bettrand hockend, Gesellschaft,
und unsichtbar unsere Künstlerin, die mit Poetenaugen in den
kahlen Raum hineingeblickt hat. Die Bilder sind technisch nicht
frei von Schwächen, ja die Malerin hatte eine ganze Gruppe von
Gemälden gesandt, wahrscheinlich aus späterer Zeit, die in der
Mache reiner, breiter und sicherer waren, aber nicht in diesen
seelisch weit weniger gehaltvollen, sondern in den oben näher
geschilderten Arbeiten, liegt für mich der Wert ihrer künstlerischen
Persönlichkeit. l«7S4i

Q. Hamburg. Die hiesige „Lehrervereinigung für
die Pflege der künstlerischen Bildung" hatte vor längerer
Zeit bereits eine Ausstellung von freien „Kinderzeichnungen" veran-
staltet, auf die auch noch nachträglich einzugehen, sich verlohnt. Es
handelte sich dabei um solche Zeichnungen, welche Kinder ohne
Anleitung zu ihrer Freude angefertigt haben und die als die
ersten Versuche zeichnerischer Darstellung angesehen werden können.
Diese anspruchslosen „Malereien" sind in den letzten Jahren von
Psychologen und Pädagogen, insbesondere in England, Amerika
und Frankreich zum Gegenstände vergleichender Beobachtung
gemacht worden. Man setzte diese ersten spontanen Aeußerungen
kindlichen Schaffens in Beziehung zu den Anfängen der künst-
lerischen THLtigkeit, die uns in den Zeichnungen primitiver Völker
entgegentritt, um dadurch einen Einblick zu gewinnen in die


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