Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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schiedenen Tönen gedruckt sind, von den berühmten Man wusste auch, dass er, diesen Dilettantismus
Bildern des Künstlers ferner das in der deutschen im schönsten Sinn und zum löblichsten Zwecke
Malerei ganz einzig dastehende Diner«, der als pflegend, es vor allem liebte, Freunde und Dichter-
Komposition so bemerkenswerte Hexenschlaf-, das kollegen, sowie vertraute Gäste seines Hauses in
für die letzte Schaffenszeit wieder einen Höhepunkt raschen und charakteristischen Bleistiftskizzen fest-
bedeutende >Trio« von der letzten Secessions-Aus- zuhalten und so seine zeichnerische Kunst in den
Stellung; dann Ein Buch-, das Parisurteil-, die Dienst der Freundschaft und der häuslichen Ge-
Römische Villa und andere Werke, die dazu bei- selligkeit zu stellen. Nun lädt er sozusagen auch
tragen, den eigenartigen Charakter der Kellerschen einmal ein grösseres Publikum bei sich zu Gaste,
Kunst klarzulegen. Kein Künstler könnte sich liebe- um ihm Proben dieser Seite seiner Thätigkeit dar-
vollere Fürsprecher für den Wert seines Schaffens zubieten. Aber als feiner Kenner und gebildeter
wünschen, als diese prächtigen Photogravüren. Mann denkt er nicht daran, den Leuten mit seinen
x Das Literarische München. Fünf- Zeichnungen imponieren zu wollen. In einem ausser-
undzwanzig Porträtskizzen von Paul Heyse. — ordentlich liebenswürdigen poetischen Vorwort be-
(München, Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G., zeichnet er ebenso graziös wie bestimmt, mit an-
15 M.). — Wenn es gar manchem unserer Maler in mutiger Bescheidenheit und ohne alles fishing for
seiner Kunst geschadet hat, dass er allzusehr Dichter compliments den Zweck, den er selbst bei dieser
war, so hat es einigen unserer besten Poeten nur Vor- Publikation verfolgt, und den Standpunkt, auf den
teil gebracht — abgesehen natürlich von den schmerz- eine gerechte Kritik sich stellen muss. — Die Mappe
liehen, aber doch auch wieder heilsamen inneren ^Das literarische München ist in gewissem Sinne
Kämpfen zwischen den zwei Seelen in ihrer Brust —, ein Freundschafts-Tempel , vor allem aber auch eine
dass in ihnen neben dem dichterischen Beruf eine Galerie bekannter und berühmter Männer der Feder,
starke Neigung und Begabung für die bildende Kunst die in München dauernd oder vorübergehend leben
lebte. Jeder wird dabei an Goethe und Gottfried oder gelebt haben. Den Reigen eröffnet mit Fug
Keller denken und sich dankbar bewusst sein, wie ihr und Recht Hermann Linggs ehrwürdiges Greisen-
Mühen mit Zeichenstift und Pinsel zuletzt der pla- profil; und ihn beschliesst der charaktervoll eigen-
stischen Kraft, Klarheit und Vollendung ihres poeti- sinnige Kopf des noch immer kämpf- und redefrohen
sehen Schaffens zugute gekommen ist. Auch die Skandinaviers Björnson. Von den anderen nennen
Schilderungskunst Paul Heyses, klassisch im Ent- wir nur die Dichter Hertz, Jensen, Haushofer,
werfen von Landschaftsbildern und Situationen, wie R. Voss, Ganghofer, E. v. Wolzogen, Max Halbe,
im gleichsam statuarischen Hinstellen der äusseren Dichter-Kritiker und Männer der Presse in und
Erscheinung seiner Menschen, wird schon manchen ausser Dienst, wie Otto Braun, Alfr. v. Mensi,
zu der Vermutung geführt haben, dass der Dichter Fritz v. Ostini, Max Bernstein, die Literarhistoriker
ebenfalls versucht haben müsse, die sichtbare Welt Muncker, Weltrich, Edward P. Evans. Man sieht,
mit den Mitteln der bildenden Kunst zu bewältigen. neben dem Interesse, wie der Dichter der Meraner
Und für denjenigen, der über des Dichters Persönlich- Novellen' zeichnet, wird auch das Interesse an dem,
keit und Lebensführung aus eigener Anschauung oder was er zeichnet, rege gehalten. Und wenn Paul
vom Hörensagen einiges wusste, bedurfte es dieser Heyse auf seine Zeichnungen das Citat aus einer
Vermutung nicht. Längst weiss man, auch ausser- seiner anmutigsten Episteln anwendet:
halb seines engeren Kreises, dass Heyse, in guten Sind arme Sachen,
alten Traditionen einer vielseitig - harmonischen Und war doch lustig, sie zu machen —«,
Bildung aufgewachsen, von Jugend auf auch in der so darf er auch sicher sein, dass er der weiten Ge-
bildenden Kunst diiettiert-, um das so lange in meinde seiner Verehrer eine Freude bereitete, als
Verruf gewesene, jetzt wieder zu neuen Ehren und er vor ihnen diese armen Sachen zum Beschauen
besserer Bedeutung gelangte Wort zu gebrauchen, ausbreitete. I16"]

HERMANN MOEST DER RING

* Photographieverlag der Photographischen Union in München

Redaktionsschluss: 2. Dezember 1899. Ausgabe: 14. Dezember 1899.

Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schwahtz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. in München, Nymphenburgcrstr. 8G. — Bruckmann'sche Buch- und Kunstdruckerei in München.
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