Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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DER MODERNE KOLORISMUS UND SEINE ANKLAGER

Man konnte in der letzten Zeit glauben,
der moderne Kolorismus habe einen
Teil des Missverstehens besiegt, welches ihm
zuerst so hartnäckig entgegentrat. Noch
wurde er nicht verstanden, aber die Oeffent-
lichkeit schien an ihn gewöhnt zu sein,
wenigstens nahm sie ihn ruhiger hin. Noch
kurze Zeit, und ein Augenpaar nach dem
anderen würde sich den neuen Wundern
bereitwillig öffnen.

Da klingen in die beruhigtere Stimmung
hinein erneute Alarmrufe. Von einer Seite,
die auf Beachtung rechnen kann, ist der
öffentlichen Meinung ein Sprecher erstanden.
Es ist der Direktor der Gemäldegalerie zu
Dresden, Karl Woermann*), der sich ver-
nehmen lässt. Er bringt seine Ansicht aller-
dings nur nebenbei in der Einleitung zu einer
Besprechung der Cranach - Ausstellung vor,
aber auf welcher Seite er steht, ergiebt sich
klar aus folgenden Sätzen :

„War das eine Farbenpracht in den Cranach-
Sälen der deutschen Kunst-Ausstellung zu
Dresden. Betrat man, aus ihnen kommend,
die Gemäldesäle der lebenden Künstler, so
hatte man Mühe, sich in die grauen und
stumpfenTöne unserer lichtfrohen aber farben-
scheuen Zeit wieder hineinzusehen." Und
dann weiter unten: „Jedenfalls wird man
nichts dagegen haben, wenn die Cranach-
Ausstellung wenigstens den einen oder an-
deren Künstler, der sie gesehen, zur Farbe
zurückführen sollte."

Wird sich nicht allsogleich ein lauter
Beifallschor derjenigen erheben, die ihre
kaum verstummten Anklagen hier in aller
Form von solchem Munde wiederholt
hören? Die modernen Bilderstürmer müssen
ihren Mut neu gestärkt fühlen, denn
nichts hört die Menge lieber, als die
Verteidigung ihrer eigenen, instinktiven
Sympathieen oder Abneigungen durch eine
Autorität. Die Fürsprecher, die sie in
diesem Falle bisher fand, hatte man nicht
mehr der Mühe des Widerlegens für wert
gehalten, dieser Stimme gegenüber, die be-
weist, wie wenig heimisch die neue Kunst
noch im deutschen Bewusstsein ist, wird
man sein Schweigen nicht aufrecht erhalten
können.

•) Zeitschrift für bildende Kunst, N. F. XI. Jahrg.
Heft 2 (November 1899).

(Nachdruck verboten)

Beim ersten Lesen jener Bemerkungen aus
solcher Feder konnte man stutzig werden.
Hier sprach ein Hüter und gewiegter Kenner
der Schätze vergangener Kunstepochen in so
leicht abfertigenden Ausdrücken von der
„Farbenscheu" und „Graumalerei" der Moder-
nen, dass man an der Zuverlässigkeit der
eigenen Augen hätte zweifeln mögen, welche
so lange an die Berechtigung des neuen
Ideals neben der alten Kunst geglaubt hatten.

Nun rief ich mir jenes liebliche, kleine
Bildchen ins Gedächtnis (Woermann sagt da-
von, es wirke wie ein Vorläufer der schönsten
Bilder des Böcklin), ich meine die „Ruhe
auf der Flucht nach Aegypten", wo unter
dem Tannenbaum dem heiligen Knaben von
reizenden, musizierenden oder Blumen dar-
bringenden Engelkindern aufgewartet wird.
Das Bild, als frühester bekannter Cranach,
hat, wie man weiss, den Forschern harte
Nüsse vorgesetzt. Sie machten sich geschäftig
daran, sie zu knacken, denn sie sahen es als
ihre Aufgabe an, den Zusammenhang dieses
Erstlings mit des Künstlers später so ver-
zwickter und gezierter Formen- und Bewe-
gungsdarstellung und dem abnehmenden Reiz
des Kolorits nachzuweisen. Ich aber griff
diese Blüte der Kunst des alten Meisters
heraus und stellte sie im Geiste neben das,
was ich von der modernen Dresdener Aus-
stellung in Erinnerung habe und fragte mich,
ob denn all das so gar nicht neben dem Alten
bestehen könne? Wir hatten geglaubt, dass
in unseren Tagen die Fähigkeit, die bunten
Brechungen des Lichts auf der Oberfläche
der Dinge zu verfolgen, einen unerhörten
Aufschwung genommen habe. Unsere Augen
hatten diesen unerhofften Enthüllungen mit
beglücktem Staunen zugesehen, und nun
sollte all das auf Selbstbetrug und Ueber-
schätzung beruhen? Aber sogleich kamen
mir auch die starken Bewegungen zurück,
die ich in eben dieser Dresdener Ausstellung
erfahren hatte in unmittelbarer Nähe der
Cranach-Säle vor dem zitternd farbigen Reiz
von Slevogts „Scheherezade", vor dem augen-
schmeichelndem Märchenbilde des Angelo
Jank oder den klaren Herbststimmungen von
Vinnen, mit ihrem Spiegeln bunter Bäume
in stillen Wassern. An solche und manche
andere dachte ich, und wenn ich auf sie das
Urteil von der Farbenscheu und den stumpfen,
grauen Tönen durchaus nicht anwenden konnte

Die Kunst für Alle XV. Ix. i. Marz 1900.

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