Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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der ersten wäre sehr traurig. Haben Sie
schon einmal Hölderlins Gedichte gelesen, die
er im Wahnsinn verfasst hat? Diese Verse,
in denen erhabene, wunderbare und form-
vollendete Schönheit mit grauenhaftem Wahn-
witze abwechselt, scheinen nur eine Parallele
zu diesem „Im Spiel der Wellen" zu bilden.
Oder — und so verhält es sich hoffentlich
wirklich — Meister Böcklin (denn ein Meister
ist er trotz alledem) hat sich ein souveränes
Spässchen mit unserem Tagespublikum machen
wollen." So zu lesen in der „Neuen Deutschen
Volkszeitung" vom 10. Juni 1883. Ist es
nicht zwerchfellerschütternd, hier den „Fach-
mann im Schwimmen" über Böcklin urteilen
zu hören?

Aber noch mehr: Rudolf Cronau zählt in
seinem „Buche der Reklame" Böcklin unter
den Künstlern auf, die durch reklamehafte
Darstellungen Aufsehen zu erregen suchen,
und bildet dazu das „Spiel der Wellen" ab!
Das genügt wohl, um Lichtwarks Behauptung
zu bestätigen. Die Ursachen, welche seit
etwa 1890 die Stimmung gegenüber Böcklin
in ihr Gegenteil verkehrten, fasst Lichtwark
so zusammen : „Eine allgemeine Disposition
lag zu Grunde, eine Sehnsucht nach Farbe,
ein Verlangen nach gestaltender Phantasie.
Aeussere Mittel, die Gemüter dem Künstler
nahe zu bringen, waren die grossen herrlichen
Publikationen seiner Werke durch die Ver-
lagsanstalt in München.*) Dann kam das plötz-
liche Einsetzen einer Spekulation mit Böck-
lins noch erreichbaren Bildern hinzu, die sehr
geschickt operierte und in kurzer Zeit die
Preise auf das fünfzig- bis hundertfache
steigerte. Und Muthers vielgelesenes Werk
gab Tausenden einen neuen Standpunkt."
Hier hätte Lichtwark allerdings sagen können,
dass auch ein Teil der Kritik Anteil an dem
Umschwung in der Beurteilung Böcklins ge-
habt hat.

Lichtwarks drei Aufsätze sind Gelegenheits-
aufsätze. Aber sie dürfen einen dauernden
Wert beanspruchen. Eine Fülle anregender
Gedanken ist darin niedergelegt, und der
Grundgedanke von Lichtwarks unermüdlichem
zielbewusstem Schaffen und Wirken, die Em-
pfindung für die Kunst im deutschen Volke
zu wecken und zu vertiefen, geht, von ein-
dringlichen Worten getragen, auch durch diese
Aufsätze hindurch. „Wenn ein Deutscher", so
sagt Lichtwark u. a., „nur der ist, der ein
persönliches und herzliches Verhältnis zu den

*) Das i Böcklinwerk< der Photographischen Union
umfasst bislang drei Bände zum Preise von je 100 M.
Einzelblätter daraus werden vom 1. April 1. J. an zum
Preise von je 5 M. im Kunsthandel erhältlich sein.

grossen Dichtern und Künstlern der Nation
gewonnen und sich mit ihrer Lebensenergie,
ihrem Geiste erfüllt hat, dann dürfen nicht
viele, die unsere Sprache reden, die Zuge-
hörigkeit beanspruchen. Millionen werden
alljährlich in Deutschland für die Pflege der
Kunst ausgegeben, aber sie wird nicht da
gepflegt, wo sie allein der Pflege bedarf: in
der Seele des heranwachsenden Geschlechtes.
Unsere ganze Bildung beschränkt sich auf
die Seite des Verstandes, der sich reglemen-
tieren lässt. Wenn wir erzogen würden, mit
der Seele ein Werk der Dichtkunst aufzu-
nehmen, wären die über alle Vorstellung
kläglichen Zustände unserer Litteratur dann
denkbar? Und wenn wir Kunst fühlen lernten,
wäre so viel Roheit und Barberei in Ansicht
und Urteil möglich, wie uns alle Tage gegen-
übertritt? Wir sollten in diesen Erinnerungs-
tagen an drei dergrössten deutschen Genien*)
uns geloben, dass wir, soweit unsere Kraft
reicht, dafür wirken wollen, in der heran-
wachsenden Jugend die Kraft der Empfindung
zu wecken und zu stärken, damit für alle
grosse Kunst, die wir in Musik, Malerei und
Dichtkunst ererbt haben, die Seelen da sind,
in denen sie lebendig werden kann, und damit
die neuen Genien, die das Geschick uns
sendet, die Seelen finden, die ihnen ein Echo
zurückwerfen, ehe das Alter sie gebeugt oder
der Tod sie hingestreckt hat."

Böcklin gehört zu den wahrhaft schöpfe-
rischen und darum allein grossen Künstlern,
denen die gebührende allgemeine Anerkennung
zu spät zu teil geworden ist. Möchte er
einer der letzten sein, dem dieses Schicksal
widerfährt. Paul Schumann

GEDANKEN

Wie jedes Rad zum Umdrehen, jeder Hahn zum
Oeffnen, so reizt jede Behauptung zum Glauben.
*

Damit einer weit komme, ist es nicht notwendig,
dass er ein Schnellläufer, oder ein Schnelldenker sei.
*

Früher war der Aesthetiker Erfinder; jetzt ist er
Entdecker.

Der Aesthetiker braucht ebenso wenig ein Künstler
zu sein, als der Arzt die Krankheiten gehabt haben
muss, welche er behandelt.

Aus „Aphorismen von Paul Sikol. Cossmann"
(München, C. Haushalter)

*) Gemeint sind: der siebzigste Geburtstag
Arnold Böcklins, der hundertste Gedenktag der
Geburt Jeremias Gotthelfs, der vierhundertste Ge-
denktag der Geburt Hans Holbeins.

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