Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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-.~^)- DIE SOMMER

Hengeler's „Susanna" hat in Böcklins humor-
vollem Bild einen zu gefährlichen Rivalen,
als dass man sich an der ohnehin etwas
steifen Arbeit recht erfreuen könnte. In Hu-
bert von Heyden's „kämpfenden Truthähnen"
(Abb. a. S. 525) wird die Leichtigkeit, die die
Behandlung des Sujets erfordert, bis zur
Zerfahrenheit gesteigert. Schramm-Zittau
brachte „Hühner im Reflexlicht", ein schweres,
verdienstliches und verständig durchgeführtes
Problem. Rich. Winternitz hält sich in der
weiblichen „Modellstudie" glücklich von der
Aengstlichkeit fern, an der seine Gemälde
gewöhnlich zu leiden pflegen. Die Worps-
weder sind auch wieder einmal zu Gast ge-
kommen, nicht so zahlreich wie früher und
vielleicht darum wirkungsvoller: Fritz Over-
beck mit den effektreichen „Sommerwolken"
und Carl Vinnen mit dem etwas zu leicht
behandelten „Waldesrand".

Sehr bemerkenswert ist eine kleine Gruppe
deutscher Maler, die sich fremdem, meist
englischem und schottischem Einfluss recht
rückhaltslos ergeben haben : Da ist G. Sauter,
der ein sehr, sehr weich und ätherisch vor-
getragenes Motiv brachte „die Frühlingsklänge"
und Oppler, von dem eine grosse sehr ge-
schickt ins Genre übersetzte und geschmack-
voll behandelte Porträtgruppe herrührt, dar-
stellendden „jungen KomponistenZwintscher",

W. Y. MAC-GREGOR VORFRÜHLING

AUSSTELLUNG 1900

wie er eben am Flügel sitzt und vor zwei
jungen Mädchen sich seinen musikalischen
Inspirationen überlässt. Scharf's „alte Bre-
tonin" (die sich im vor. H. abgebildet findet)
giebt bei allem Verzicht auf prägnante Wir-
kung und trotz der wohl absichtlich gewählten
haltlosen Beleuchtung einen klaren und nicht
unkräftigen Eindruck. Die etwas trübe Fär-
bung gereicht übrigens dem Bilde nicht zum
Vorteil und ähnliches gilt auch von dem im
Ausdruck so sehr, vielleicht zu sehr leben-
digem Doppelbildnis der Olga von Boz-
nanska (Abb. i. vor. Hefte). Hier mag heuer
auch noch der tüchtige Landschafter Crodel
zu nennen sein, dessen „Sommermorgen"
(Abb. i. vor. Hefte) sehr gewandt den schot-
tischen Landschaften nachgebildet ist.

Die schmalen Verbindungsgänge haben
wieder, so gut und so schlecht es eben bei
den beschränkten Raumverhältnissen geht,
die graphischen Künste aufgenommen. Zu
nennen sind Angelo Jank's Ansichten aus
einer alten Stadt, die mit Unrecht seinen
grossen, zu üppig farbigen Bildern hintange-
stellt werden, Eugen Kirchner's amüsanter
Dichterling auf der Ideensuche, eine etwas
gar zu glatte und korrekte Zeichnung von Karl
Haider, ein sehr leis auftretender Leibl, von
Julius Diez eine Reihe stilisierter und
doch recht lebensvoller Studien, eine prächtige
Lithographie von Carriere, die des Künst-
lers bekanntes Motiv, die Mutter ihr Baby
küssend, in jener eigentümlichen dämme-
rigen Behandlung zeigt, wo die Formen
gerade noch einmal in letzter Klarheit aus
dem Dunkel aufblitzen, in das sie zu ver-
sinken drohen und endlich Max Klinger's
berühmter Ehrenbürgerbrief für den frühe-
ren Bürgermeister von Leipzig (den unsere
Leser v. S. 10 d. 1. J. kennen).

Für Plastik oder gar für das Kunst-
gewerbe hat die Secession wenig Raum.
Sie hat aber doch manches Interessante
und Wertvolle gebracht. Adolf Hilde-
brand's Porträt des Prinzregenten (Abb.
a. S. 510) verbindet individuelle Charakte-
ristik und typisierenden Stil. Theodor
von Gosen's Perseus (Abb. i. vor. Hefte)
ist lebendig, aber nicht gerade selbständig
in der Bewegung, Streicher's Mädchen-
statue zeugt von feiner Empfindung; ausser-
dem haben noch Bermann, Dittler und
Hahn (s. dessen „Christus" a. S. 512) in
gewohnter Weise ausgestellt. Mattes'
„Kugelspieler" (Abb. a. S. 527) hat
wenn die Wortverbindung nicht gar zu
bedenklich ist — etwas von einer de-
kadent outrierten Kühnheit an sich.

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