Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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fertigkeit in der Bearbeitung festen Materials aus-
zubilden.

Wie weit übrigens in diesen Dingen der Weg
von der Theorie zur Praxis, vorh gesprochenen und
geschriebenen Wort zur That ist, zeigt eine andere,
uns gleichzeitig mit der Hellmerschen Schrift
zugekommene Abhandlung über Hellmer*). Die-
selbe rührt von dem Sohne des Künstlers her und
behandelt die Entstehung des von Hellmer kürzlich
vollendeten Monumentalbrunnens, der an der Hof-
burg zu Wien Aufstellung gefunden hat. Mit einer
Sorgfalt, die der Pietät des Sohnes alle Ehre macht,
ist hier alles auf die Entstehung dieses Brunnen-
denkmals Bezügliche von der ersten flüchtigen Ideen-
skizze bis zur letzten Vollendung des Modells ge-
sammelt und sämtliche im Laufe der Ausführung
zustande gekommenen Varianten einzelner Teile des
Monumentes, sowie dieses selbst in mehreren Ge-
samtansichten mit einer Splendidität veröffentlicht,
wie sie auch bedeutenderen Schöpfungen, als diese
es ist, nicht alle Tage widerfährt. Nun ist es
interessant, dass das Werk in seinem Aufbau so-
wohl, wie in den einzelnen Teilen, und sogar auch
in der Formgebung durchaus den barock-malerischen
Charakter festhält, den es, unseres Erachtens,
auf dem von Hellmer selbst mitempfohlenen Wege
zu überwinden gilt. Eine gewisse Erklärung für eine
so seltsame Inkonsequenz liegt vielleicht einerseits
in dem so unglücklich wie möglich gestellten Thema
der Aufgabe. „Die Herrschermacht Oesterreichs zu
Lande" (!) hatte der Bildhauer zu verkörpern; kein
Wunder, wenn er einem so zopfig ausgeklügelten
Vorwurf gegenüber keine anderen Ausdrucksformen
fand als die des barocken Manierismus. Ferner

*) Edmund Hellmer jr. Ein .Monumentalbrunnen und seine
Entstehung. (Wien, A. Schroll & Co., 7 M.)

wies auch die Architektur des Gebäudes, mit dem
die Gruppe in enge Verbindung trat, auf das Barock
hin. Dies alles zugegeben, wird man jedoch gerade,
was die oben besprochene und von Hellmer selbst
so ..wichtig behandelte sMaterialwirkung- betrifft,
grosse Bedenken nicht unterdrücken können. Zwar
die Hauptfigur des -Herrschers« hat von einem
Durchgangsstadium, worin sie vollkommen als antik-
akademische Aktfigur erscheint, eine gewisse Stabilität
behalten, die ihre Ausführung in Marmor stilistisch
möglich erscheinen lässt. Was dagegen die unteren,
ganz malerisch auf den gewachsenen Fels kom-
ponierten Gestalten der stürzenden und unterdrückten
Titanen — oder wie soll man diese purzelnden und
kauernden Akte nennen? — betrifft, so wird man wohl
kaum an die innere Möglichkeit, sie in Stein auszu-
führen, glauben. Auch der mächtige, mit ausgebreiteten
Schwingen dargestellte Adler ist gewiss nicht >aus
dem Stein heraus komponiert, er ist seinem Motiv
nach ein richtiges Bronzetier. — Alles in allem: das
Büchlein von Hellmer findet in dem Buche über
Hellmer eine Bestätigung, aber eine negative, wenn
man so sagen darf.

GEDANKEN

Man wenä" es, wie man's wenden mag,
Die Kunst gleicht bis zum jüngsten Tag
Dem Sonnenkind, dem Schmetterlinge,
Der um der Schönheit Blume fliegt
Und sich im gold'nen Aether wiegt
Auf seiner leichten, lichten Schwinge.

Wo uns die Kunst für alle Zeiten

Das Herrlichste gegeben hat?

Wenn sie den Flug in Himmelsweiten,

Wenn sie den Blick in Ew'ges that. a. stier

THERESA FEOD. RIES BÜSTE E. HELL MERS

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