Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Die gereinigten Erzfiguren in Jnnsbruck.

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tum des Landes Tirol noch auch (sämtlich) im Lande
angefertigt worden seien, und daß die Tiroler daher
gar keine Ursache hätten, sich um deren Schicksal an-
zunehmen. Allein nichts berechtigt uns, auch dem
Obcrsthvfmeisteramt eine solche — von W. Lübke ge-
legentlich mit einem sehr drastischen Ausdrucke charak-
terisirte — Auffassung zu imputiren. Hätte es die
ganze Angelegenheit als büreaukratisches Geheimnis
behandeln wollen, so wäre es ja ein Leichtes gewesen,
auch die Entsendung der Kommission unter diesen Be-
griff zu bringen. Das ist ausdrücklich nicht geschehen,
offiziöse Zeitungen meldeten zuerst die Namen der Dele-
girten und kllndigten deren bevorstehende Abreise von
Wien an. Es ist daher cben so unglaublich, daß die
Behörde ihrcn Vertranensmännern das Versprechen
unverbrüchlichen Schweigens abgenommen, wie daß diese
ein solches geleistet haben sollten.

Doch wie dem auch sei: wir haben nnter allen
Umständen die Verpflichtung, den Fall zu registriren.
Und da das amtliche Material vorenthalten wird,
sehen wir uns genötigt, als Quelle eine Schrift zu
benützen, welche zwar eingestandenermaßen eine Partei-
schrift ist, aber, soweit wir es bcurteilen können, un-
parteiisch alles wiedergiebt, was für oder wider in
der periodischen Litteratur erschienen ist. Wir meinen
die Schrift „Der Patinakrieg. Die Restaurirung des
Maxdenkmals zu Jnnsbruck und der Streit für und
wider dieselbe. Aktenmäßig dargestellt. Jnnsbruck. Vcr-
lag der Wagnerschen Universitätsbuchhandluncch. Ver-
suchen wir also aus dieser Aktensammlnng eine objek-
tive, historische Darstellung des Hergangs zu gewinnen.

Jm Dezember 1881 brachte das „Jnnsbrucker
Tageblatt" die Nachricht, daß die Reinigung der Erz-
statuen „noch im Laufe dieses Monats dnrch berufene
Hände" werde in Angriff genommen werden. Darauf
folgte ein Satz, in welchem wir die nachher vielfältig
variirte Melodie zum erstenmal zu hören bekommen:
„Bekanntlich sind dieselben im Jahre 1838 vom all-
gemeinen Loyalitätsbrauche grün angelaufen (An-
spielung ans die grüncn Beamtenuniformen), d. h. pro-
vinzielle Staatsweisheit ließ sie, damit sie unter den
übrigen „Angestellten" keine Ansnahme machen, — niit
grüner Ölfarbe anstreichen." Es ist hier einerseits
das „bekanntlich" und andererseits die eigentümliche
Sorte von Witz zu beachten. Vierzehn Tage später
wnßte ein anderes Lokalblatt zu melden, daß „ein
Unternehmer aus Wien" dabei sei, die Bronzesiguren
„von dem Jahrhunderte alten Staube und dem einst
im Unverstande angebrachten Anstriche von Ölfarbe"
zn reinigen, und daß einige von ihnen schon in ihrer
schönen gelblichrötlichen Naturfarbe" daständen. Hier-
durch aufmerksam gemacht, besichtigten verschiedene
Künstler und Kunstfreunde die Standbilder und fanden

sich zu Schritten bewogen, um einer Fortsetzung der
Reinigungsarbeiten vorzubeugen, so lange nicht von
fachmännischer Seite der Zustnnd der Kunstwerke und
das bisher beobachtete Versahren gepriift worden sei,
das nach ihrer Ansicht durchaus nicht zu billigen war.
Dieses Einschreiten hatte (Mitte Jannar) die Ent-
sendung des Kustos vr. Jlg aus Wien behufs Bericht-
erstattung an das k. k. Obersthofmeisteramt zur Folge.
Uber die Verhandlungen zwischen diesem Delegirten
der Hofbehörde nnd einem Jnnsbrucker Komitö giebt
die gedachte Schrift ausführlichen, zum Teil proto-
kollarischen Bericht, aus welchem man den Eindruck
gewinnt, daß vr. Jlg bemüht war, das Borgehen des
„Unternehmers", der von nun an als „Hoslackirer"
bezeichnet wird, zn rechtfertigen, jedoch vorgekommene
Mißgriffe zugab, und schließlich erklärte, die Fortsetzung
dieser Art von Reinigung nicht befürworten zu können,
da die Figuren stellenweise völlig blank geputzt worden
waren. Ätznatron und Wasserglas angewandt zu haben,
bestätigte der Hoflackirer selbst; dagegen konnte keine
Klarheit darüber erlangt werden, ob das vorgefundene
Glaspapier wirklich zur Anwendung gekommen, ebenso-
wenig, ob die Patina dnrch die letzte oder irgend eine
frühere Reinigung zerstört worden sei. Man kam
endlich überein, durch Artikel in den Jnnsbrucker Blät-
tern die Gemüter zu beruhigen und keine ansländischen
(Münchener oder Stuttgarter) Autoritäten in die An-
gelegenheit hereinzuziehen.

So schien die Sache in eine gedeihliche Bahn ge-
leitet zu sein, und es mußte um so mehr überraschen,
daß sie unmittelbar darauf in verschiedenen Wiener
Blättern in einem Tone besprochen wnrde, welcher
nichts weniger als geeignet war, die Gemüter zn be-
ruhigen. Vor allem erschienen die verschiedenen zweifel-
haften Pnnkte plötzlich als ganz nnzweifelhaft. Es
waren nur ganz nnschüdliche Mittel angewandt, nni
den „Anstrich von Graphit und Öl" und die „darüber
gegebene Glättung mit Wachs" zn entfernen; dies war
in befriedigendster Weise gelungen, zum Teil die Patina
bloßgelegt worden, und wo eine solche fehlte, war die-
selbe schon „verloren gegangen", als die Statuen im
ersten Biertel des laufenden Jahrhunderts „auf eine
offenbar barbarische Art nach den Begriffen des da-
maligen Schönheitsgefühles gescheuert worden waren."
Beilänfig erfuhr man, daß einige Fignren damals einen
brännlichen Lackanstrich erhalten hätten, in den dreißiger
Jahren „die schwarze Kruste mit einer neuen überzogen"
worden sei (also bereits viererlei Anstriche: der grüne
Loyalitätsbrauch, der graue Graphit, der bräunliche Lack,
die schwarze Kruste!); ferner, daß die Gegenwart kein
Recht habe, an dem Borkommen verschiedener Metall-
kompositionen nebeneinander „heruni zu mäkeln, wenn
die alten Meister daran keinen Anstoß nahmen und
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