Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Die gersinigten Erzfiguren in Jnnsbruck.

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für denselben Zweck, an dernselben Orte die gleich-
zeitige Wirknng von Knpfer-, Messing-, Bronzesarbe
crlrugen"; dciß der Kaiser sänitliche Statuen vergolden
lassen wollte, was der großen Kosten halber unter-
blieb, daß daher die Wahl des Metalles gleichgiiltig
war und daß „die Urheber der Figuren von Haus auS
eine Patinabildung gar nicht geplant haben konnten",
und unter diesen Umständen „die Patina vom streng
archäologischcn Standpunkte in diesem Falle ein irre-
levanter Gegenstand" sei. Allerdings habe die jetzige
(durch das „Reinigen" bewirkte) Buntheit der Figuren
etwas Störendes; aber dies auszugleichen, mllsse man
der Zeit überlassen, der „an diesem Orte sehr rasch
zu gewärtigenden Neubildung dcr Patina". Eingestellt
sei die Reinigungsarbeit, nicht etwa wegen fehlerhafter
Methode, sondern um jenc Neubildung abzuwarten,
wozu ein halbes oder drei Bierteljahre hinreichen
würden.

Sv merkwürdig diese Enthüllungen und Be-
lehrungen auch waren, wurden sie doch in dieser Be-
ziehung weit überboten von den Ausschlüssen, welche
mehrere Wiener Zeitungen über die eigentlichen Motive
der iu Jnnsbruck zu Tage getreteuen Verstimmung
brachten: bornirtes Tirolertum uud llltraiuontanismus
nahmen ein Ärgernis daran, daß die Reinigung von
Wiener, nicht von Jnnsbrucker Arbeitern besorgt worden
war. Jn welchem sufsisanten nud höhnischeii Tone
diese Bchauptung aufgcstellt wurde, davon Prvben
zu geben, euthalten wir uns. Erwähnt werden mußte >
die Taktik aber, weil sie beweist, daß den Verteidigern ,
des Hoslackirers bald die sachlichen Argumente aus- !
gegangen warcn, vbgleich sie in solchen nicht wählerisch
waren. Nahm doch dcr Hauptwortsührer jener Partci
keinen Anstand zu erklären, die bei der chemischen
Untersuchung eines zum Putzen der Statuen gebrauch-
ten Schwammes gefundenen scharfen Substanzen können
nur vou dem alten Anstrich herrühren!

Dcn iinmer hitziger gewordenen Kämpfen gebot
die vsfiziöseMitteilung Waffenstillstaud, daß am 2.März
1882 die vbeuerwähute Kvmmission im Austrage des
Obersthofmeisteramts nach Jnnsbruck abgereist sei.

Was die citirte Brvschüre über die Verhandlungen
biescr Kommission mitteilt, übergehen wir, weil es
ebensowenig Anspruch auf Authentizität hat, wie die
anonymen Notizen in Wiener Blättern: die Kommissivn
habe sowohl „dic Praxis des Hcrrn Kolb (des mehr-
genannten Hoslackirers) als die sachliche Beurteilung
ber Sache durch vn. Jlg" einsach bestätigt. Nicht
widersprochen wvrden ist unsercs Wissens zwei An-
gaben in öffenllichen Blättcrn, I) daß vor dem Bcsuchc
ber Kvmmission in der Jnnobrucker Hvfkirche das
Standbild der Cimburgis von Masovien, an welcher
Knpscr nnd Messing zum Vorschein gctvmmcn warcn, '

„einen gleichmäßig braunen Tvu erhalten habe, der
von einzelnen Kommissionsmitgliedern sogar als schöne
Patina bezeichnet worden sein soll", und 2) daß mit
den Reinigen nicht fortgefahren, vielmehr auch an den
übrigen Statuen den blanken Stellen ein — Anstrich
gegeben worden sei.

Noch sind also die Fragen unbeantwortet, welche
von Ansang an jeder Unbeteiligte aufwerfen mußte.

Haben die Figuren überhaupt einen Anstrich, eine
Tünche, einen Lack odcr sonst einen künstlichen Überzug
gehabt oder nicht? Die neueste Reinigung hat noto-
risch begonnen, ohne daß man wußte, was eigentlich
entscrnt werden sollte. Allerdiugs hat es wicderholt
geheißen, die Statuen seien „bekanntlich" einmal an-
gestrichen worden; wann nnd womit? darüber crfolgten
sehr verschiedene Auskünfte, und der vcrhcißene aktcn-
mäßige Beweis ist nicht geführt wordeu. Pros. Bussou
crklärt sogar in der Jnnsbruckcr Brvschüre, daß die
Aktcn der dvrtigen Schloßverwaltung vom Jahre 1854,
auf welche deswegen verwiesen worden war, „absolut
garnichts" enthalten, „was die Thatsache eines An-
striches erhärten könnte", wohl aber eine Erklärung der
Landesbaudirektion, „woriu diese entschieden und mit sehr
überzeugenden Gründen sich gegen die Annahme ver-
wahrt, als habe sie 1816 oder später die Statuen an-
streichen lassen." Daß die amtliche Untersuchungs-
kommission vor allem die Natur des schwärzlichen
Überzuges der Statuen ermittelt haben wird, vcrsteht
, sich wohl von selbst. Woraus besteht nun derselbe, aus
Ölfarbe, Graphit, Staub vder woraus sonst?

Weiter: Hat die Kommission das Reinigungsver-
fahren gebilligt vder nicht?

Hat sie angeordnet, daß dic gcputzten Statucn im
stutu guo zu verbleibeu haben, damit man erwarten
könne, ob sich eine neue Patina bilde, was — angeb-
lich — nach Ablauf eines Halbjahres (!) zu konsta-
tiren sein werde?

Und wenn sie dies beschlvssen haben sollte, wie
kommt es dann, daß die geputzten Stellen neuerdings
überstrichen worden sind?

Totgeschwiegen kann doch die Sache nicht werden,
dafür hat sie eine zu große Wichtigkeit au sich und in
prinzipieller Hinsicht.

W. Lübke betvnte iu einem Aufsatze über die leidige
Augelegenheit, daß die Kommission Männer zähle,
„welche einen Namcn zn verliereu haben " Dieser
Gefahr wiirden sie sich begreislicherweisc auch durch
Schweigen aussetzen. X. X.
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