Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Das Karmarsch-Denkmal in Hannover.

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Vitrine ausgestellt hat. Bor allem verweisen wir auf
einen Pracht-Koran auö dem 14. Jahrhundert. Er
ist ans starkeni Baumwollpapier aus Bagdad geschrieben
und von dcr Stadtbibtiothek in Leipzig ausgestellt.
Ein Kvran aus dem 16. Jahrhnndert, eingeschickt
vom historischen Musenm der Stadt Zittau, muß hier
gleichfalls erwähnt tvcrden. Der „Lüdllöt, st-NLllbür",
ein geneatvgischcs Buch, Ivie es scheint, aus dem
17. Jahrhuudert, nennt (nach Mitteilnng von Prof.
Karabacek — Katalog S- 229) den Namen seines
Verfertigers: Hasan, den Maler ans Stambnl. —
Das Manuskript gehört der Wiener Hosbiblivthek nnd
ist cin Beutestiick aus dcn Türkenkriegen. Als Vertreter
jener kleinen achteckigen Kvrans, welche in grvßeren
Sammlungen nicht ganz selten vorkommen, ist Nr. 701
ausgestellt (Eigentum der Stadt Wien). Ein Kvran
in altem Einband aus gepreßtem Leder mnß nvch er-
wähnt werden (Nr. 702, aus der Dresdener königlichen
Bibliothek).

An all diesen Büchern ist die Präzisivn und
Sauberkeit dcr Ansfiihrung bewundernngswert, wenn
ihnen auch das gänzlich mangelt, was den Buch-
malereien der christlichen Kunst ihren hvchsten Reiz
gewährt, nämlich der Reichtum an Figuren, an Be-
wegungsmvtiven, an Lebensinhalt und Poesie. So
eine große Seite ciner orientalischen Prachthandschrist
Vvll von kleinen zierlichen Ornamenten reizt wohl das
Auge, aber deni Geiste sagt sie wenig. Die virtuofe
Technik allein ist uns nicht genug. So kommt es
Lenu auch, daß man sich in der Ausstellung nach dem
Betrachten der zahlreichen prächtigen orientalischen
Gegcnstände immer wieder mit Freude der heimischen
Weise zuwendet und z. B. die vielen Stiche und Holz-
schnitte, die in einigen kleineren Räumen untergebracht
sind, gern einer näheren Betrachtung unterzieht. Wir
heben daraus die Stiche von I. Gole, A. de Blois,
Bar. Kilian (Nr. 1040, 1025 bis 1028, Nr. 1035), be-
sonders hervor, lauter Bildnisse aus der reichen Samm-
lung der k. k. Familien-Fideikvmmiß-Biblivthek.

Die ausgestellten zahlreichen Pläne und Ansichten
von Wien haben snr den Lvkalsorscher einen unbezahl-
baren Wert; hier mnß ihre genercllc Erwähnung ge-
nügen. Th. Fr.

Das Tlarniarsch-Denkrnal in !)annover.

Während Berlin neuerdings mit Vvrliebe den
Marmor für seineMonumcnte wühlt nnd sich deu Zau-
ber des schneeweißen Materials im Winter durch eine
Hülle von Brettern erhält, bleibt Hannover lieber bei
der Bronze sür das Standbild, und das Stein-
material muß sich anf das Postament beschränken. So
auch bei dem neuen Karm arsch - Denkm al am

Theatcrplatz, das dieser Tage feierlichst enthültt und
vvn dem Rektor der technischen Hochschule, Geheimrat
Launhardt, dcr Stadt Hannover übergeben tvurde.
Oskar Rassau, ein wenig bekannter Bildhauer, hat
die beinahe doppellebensgroße Standfigur des unsterb-
licheu deutschen Technvlvgen, der sich hier einer seltenen
Pvpularität erfreut, mvdellirt. Der Vvrzug seines
Werkes ist nicht in origineller Anffassung zu snchen,
sondern in der sehr erfreulichen Wirkung, die der Be-
schauer der Borderscite des Denkmals empfängt. Wir
haben es hier vffeubar mit einer künstlerischen Kraft
zu thun, die vielleicht noch zu schvnen, jedenfalls
nicht ungewöhnlichen Leistungen berufen ist. Karmarsch
ist — etwa als mittlerer Fünfziger — niit einem
Pelzmantel bekleidet dargestellt, welcher der schlnnken
Figur zu einer dem monnmentaleu Zweck entsprcchen-
den Stattlichkeit verhilft. Der Pelzmantel ist vffen
und lcgt sich vorn in charakteristische Falten; darnnter
sieht man eincn den Kvrper eng umschtießenden Rvck,
der, tvie die übrige Bekleidnng, sotveit realistisch
detaillirt wurde, als es sich mit dem Material ver-
trug. Der linke Fuß ist, wie üblich, vorgestellt, der
rcchte Arm erhvben, nnd dcssen Hand scheint, dnrch
eutsprechende Bewegungen, die von den Lippen des
großen Mannes strömend gedachten Worte behaglich
zu begleiten. Das Haupt ist einfach geradeaus gerichtet;
aber durch den scheinbar ein wenig nach oben leuchtcn-
den Blick der Augen spiegelt sich auf den würdigen
(Franz Kugler entfernt ähnlichen) Zügen hohe geistige
Belebung, und dieser edle Ausdruck des Kopfes be-
rührt ungemein spmpathisch. Die Linke hält seitlich
ein Buch mit dem Titel „Technologie" und drückt
dasselbe zugleich gegen den als Denkmalsstütze un-
vermeidlichen Stumpf eiues Eichbaumes. Dies ist in
knapper Schildernng Oskar Nassan's lebensvvlle
Schöpfung, welche leider nicht von allen Seiten be-
trachtet dieselbe erfreuliche Wirknng macht. Der Guß
des Standbildes von C. Albert Bierling darf als
sehr gelungen bezeichnet werden. Ein gleiches Lob darf
man deni einfachcn hohen Pvstamente, aus polirteni
sächsischen Syenit,spenden; eS ist nnch Baurat Köhlers
Entwurf iu schwungvollen klassischen Linien ausgesührt
tvorden nnd zeigt als einzige Dekoration einen im
Viereck ringshernm fein eingemeißelten primitiven
Triglyphenfries. Sonst sieht man an dem Postamente
nur vvrn den Namen „Karl Karinarsch" nnd an der
Rückseite „Gebvren in Wien 1803, gestorbcu in Hnnno-
ver 1879". — Schließlich möchten wir noch ein paar
Wvrte über den Standvit des Karmarsch-Denkmals
hinzufügen. Wäre es nicht weit passender gewesen,
wenn man mit diesem Mvnumente Len grvßen schönen
Platz geschmückt hätte, der sich Vvr dem Welfenschlosse,
der jetzigen Technischen Hvchschule, ausdehnt? Daß
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