Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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, Kunstlitteratur.

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Rücksicht cmf das eingehauene Steimnetzzeichen, statt-
gefundenen Versetzen der Steine. Nun kommt es aber
auch vielfach vor, daß Meisterzeichen in heraldischer
Weise nebeneinandergestellt werden, und hier ist immer
zu beobachten, daß unsymmetrische Zeichen, d. h. also
einseitige, in der Weise geordnet werden, daß eine
möglichst symmetrische Figur entsteht. Die Sürlinschen

Zeichen miißten also in diesem Falle so

gestellt werden; oder wie die beiden ehemals an der
Valentinskapelle in Ulm angebracht gewesenen En-

singer-Zeichen

und die am Mün-

ster in Ulm neben der Brautthüre, rechts und links über
einer Nischc stehenden Zeichen ^ . Klemm hat

auch dieser symmelrischcn Stellnng Beachtnng geschenkt,
und ich verweise in dieser Hinsicht anf seinen Aufsatz
im Jahrgang 1877 dcs Korrcspondenzblattes „Ulm-
Oberschwaben". Aus den angeführten Beispielen geht
zur Genüge hervor, daß es nicht statthaft ist, das
Spiegelbild eines Steinmetzzeichens für eine Variante
zu erklären oder, was nvch schlinnner ist, ans der
mehr oder weniger gebogenen Richtung der Linien Be-
svnderheiten zu erkcnnen. War wirklich eine Kriimmung
beabsichtigt, sv mußte dieselbc stark hervortretend sein,
etwa in der Form cines Viertelkreiscs. Kleine
Schweisungcn sind entweder bedingt durch die aus-
geholte Form des Schildes oder auch absichtlich ge-
schehen, um der Linie mehr Schwung zu geben. Das

schließlich von Klemm

beigebrachte Zeichen

L

kann

somit, da es entschieden als Bildhauevzeichen aufzufassen
ist, als eine Ableitung des Sürlinschen gelten; doch
dürfte die Form der sich durchkreuzenden V oder
Winkelhaken, als eine allgemein beliebte Figur, nicht
zu stark in die Wagschale fallen.

Es ist ganz unglaublich, wie oberflächlich in den
verschiedenen Monogrammenlepicis die Künstlermono-
gramme gezeichnet sind; davon kvnnte ich eine ganz
ansehnliche Blumenlese beibringen und erlaube mir
nur ein interessantes Beispiel dieser Art von Gewisien-
losigkeit an dem Monogramm Zeitbloms nachzuweisen.
Auf dem bekannten Loeo-boino-Bild Herlens in Nvrd-
lingcn sieht man am Betstuhle des knieenden Donators
Hans Gienger ans Ulm desicn Warcnzeichcn (Haus-

marke) in folgenderForm

; daraus machtGrün-

eisen

Nagler

und MUller aber

Dieselbe Quelle bildet auch das Sürlinsche Zeichcn in

ganz verketzerter Form

ab. Mit solchen Miß-

geburten ist allerdings der kunstgeschichtlichen Fvrschung
nicht gedient und man thäte besscr, solche Zeichnungen
überhaupt zu nnterlassen. Max Bach.

Aunstlitteratur.

Lurtius, L. und s). A. Raupert, Karten von
Attika, auf Veranlasiung des kaiserlich deutschcn
archäologischen Jnstituts und mit Unterstützung des
kvnigl. preußischen Ministeriums der geistlichen,
Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten ausge-
nommen durch Osfiziere und Beamte des königl.
prcußischen großen Generalstabes, mit erläutcrndem
Text herausgegeben. Heft I: Athen und Peiraieus.
Heft II: Vier Blätter, Athen-Pciraieus, Athen-
Hymettos, Kephisia, Pyrgos. Berlin 1883, gr. Fol.
Dietr. Reimer. Dazu 2 Quartheste, den erläutern-
den Text enthaltend.

Der lobenswerte Plan der Centraldirektion des
kaiserl. deutschen archäologischen Jnstitutes, durch die
Neuaufnahme von Attika für die Geschichte des Lanbes
und, insofern Athen den geistigen Mittelpunkt für
Griechenland bilbete, für die Geschichte von ganz
Griechenland eine sichere, zuverlässige Grundlage zn
schaffen, auf der weiter gebaut werden kann, ist mil
den vorliegenden beiden Lieferungen der Karten von
Attika der Verwirklichung nahegeführt worden. Über
das Zeitgemäße des Planes an sich brauche ich mich
hier weiter nicht zu äußern, ist es doch eine allgemein
anerkannte Wahrheit, daß für die richtige Auffassung
von geschichtlichen Vorgängen eine möglichst genaue
Kenntnis der Gegenden, in denen sie spielen, unbe-
dingt erforderlich ist; diese Kenntnis vermag man sich
noch heute zu erwerben, da, abgesehen von den ver-
hältnismäßig wenig zahlreichen Gegenden, wo vulka-
nische Ausbrüche oder ihrer Gewalt nach damit zu
vergleichende andere Vorgänge das ehemalige Bild der
Erdoberfläche energisch vcrwandelt haben, die Erde
noch heute im wcsentlichen denselben Anblick bietet wie
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