Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Die historischs Goldschmiede-Ausstellung in Budapest.

mit Silberbeschlag von Matthias Wallbaui», mit
seinen Miniatnrcn vvn Antvn Mozart, zlvei Mcistern
des Pommerschcn Knnstschrankes. Von anberen Mit-
arbeitcrn an diesem großartigcn Werk der Augsburger
Goldschmiedcknnst fand sich cin kleincs Spinctt;
hier haben dieselben Meister, im Bcrein mit David
Attcmstetter, ein wahrcs Bisvu von höchster Schönheit
geschaffen. Endlich ist hier zu nennen die in Silber
gctriebene überlebcnsgroße Büstc desPaPstcs UrbanVIII.,
ein treffliches Werk, wohl ohne Grund dem Bernini
zugeschrieben.

Dcr drittc Saal cnthiclt die Prosangeräte und
Schmuckstücke der Rcnaissancezeit, Schätze ohnegleichcn.
An Schmuckstücken des 16. und 17. Jahrhundcrts war
hicr so viel znsammcngebracht, wie vielleicht die grvßen
vffcntlicben Sammlungen zusammen enthalten. Von
jenen kvstlichcn Pendelvgues mitFigurcn, Fabeltieren oder
cinfachem Ornament in Gold und Email, den Werk-
stätten von Augsburg, Nürnberg, Münchcn und Prag
cntstammcnd, lvaren hierübcr200Stück in zweiBitrinen
vereinigt; dazu kommen völlig intakt erhaltene Gürtel,
mit Rosettcn besetzt, Schnallcn und Schlössern, Schmuck-
sachcn spätercr Zeit nnd eine große Gruppe spezifisch
ungarischer, rcich mit Steinen und Filigranemail ge-
zierter Schmuckstücke, dnrunter besonders charakteristisch
und schön dic Forgü, Agraffen zum Befestigen der
Reiherbüsche. Eine derartige Sammlung wird kaum
jemals wiedcr gezeigt werden.

Neben dieser Gruppe enthielt der Saal aber nvch
andere Schätze. Jm sog. Krvnenschrank lagen außer
cinigen Grabkrvnen die berühmte gricchische Krone von
Nyitra-Jvünka, eine byzantinische Arbeit des 10. bis
11. Jahrhunderts mit herrlichen Emails. Ferner dic
Krvne und der Reichsapfel des Stcfan Bocskay, eine
vricntalische — vietteicht persische — Arbeit etwa des
16. Jahrhunderts.

Ganz überraschend ist die Menge der Pracht-
gerate des 16. nnd 17. Jahrhundcrts. Die lebens-
srohc, trinklnstige Gesellschaft jcncr Zeit war nner-
schöpslich im Erfinden neucr Formcn; eine vollständige
Musterkartc allcr bekannten Typen, darnnter manche in
Dntzendcn Vvn Epeniplarcn, war hier aufgestellt. Mcist
sind es Augsburger oder Nürnberger Arbeitcn, manche
klcinerenWcrkstätten entltaminend, auch cinige ungarische
Wcrkc fanden sich, dvch durchaus Vvn denselbcn Fvrmcn
beherrscht. Einigc Gefäße sind dadurch besvnders merk-
würdig, daß zweite Exemplare davon bereits bckannt
waren: so fand sich eine Wiederhvlung des schönen Diana-
pvkals im Besitz des dcutschcn Kaisers vor (nur die
krönende Figur ist eine andere), beides Nürnberger
Arbeiten dcs Meisters mit dem Widderkopf (angeblich
Hans Pezold); ferner besitzt Gräfin Livia Zichy

cinen überaus zicrlichcn kleinen Pvkal mit getriebenen
Fignrcn, dcssen Pcndant Gras Elz in Eltville sein
cigen ncnnt. Es würdcn dicse nnd noch cinige anderc
Stücke neue Beweise sein sür die, wenn ich nicht
irre, schon früher ansgcsprochene Bermutung, daß die
Gvldschmiede dcs 16. Jahrhunderts häufig je zwei
Stückc mit geringcn Verändcrnngen nnch demselben
Modcll gemacht hätten. Zu den Stücken ersten Ranges
zählt der Pokal dcr Palffy, Gvld mit rcichstem Email,
15S8 dcm Siegcr von Naab, Nicolaus Palffy, vcrehrt,
wohl Wiener Arbcit. Die Schatzkammcr dcr Ester-
hazy hattc eine ganze Anznhl dcr köstlichsten Stücke ge-
spendet, wic wir sie nur im Grüncn Gelvölbe und der
Wiener Schatzkamuicr zu sehen gcwöhnt sind; dic vben
erwähnte Publikation wird das wichtigc, bishcr gänz-
lich unbekanntc Material der Kunstlvisscnschast in mnster-
giltigcr Wcise zusühren. Ein sehr eigentümliches Stück
kann ich hicr nicht nncrwähnt lassen, einc Arbcit dcs
Wenzel Jamnitzer. Auf cinein rcich gctriebcnen, sehr
schönen Sockel, welcher den mit allerlei Getier belebten
Erdbodcn vorstellt, steht ein steiser springender Hirsch,
gegosien, mit geätztem breiten Halsband. An der Echt-
hcit und Zusammengehörigkeit der Stücke kann ein
Zweifel nicht bestehen: es ist das elfte authentische
Stück des Meisters, Ivelches hier bckannt wird. Kein
Mensch aber würde ohne die Stempel daraus gekommen
sein, daß es ein Jamnitzer sei: der Hirsch ist ein steifer,
langweiliger Geselle, ohne jede Spur von Leben. Ein
neuer Beweis dafllr, daß nicht alle Jamnitzer gut und
alle guten Stücke von Janinitzer scin niüsscn.

Die beiden letzten Säle enthielten das Gerät in
Edclmetall aus der spätercn Zeit bis zuni Erlöschcn
der selbständigen Kunstformen unter dem erstcn Kaiser-
reich. Anch hicr eine iiberwältigendc Füllc mannig-
faltigster Fvrmcn an Geräten, Gefäßen, Dvsen, Schmuck.
Es tritt als ncne Gruppe der Zicrat an Zaumzeug
nnd Sattel hinzu, der in dcm rossereichen Ungarn be-
sonders reich ansgebildet Ivurde. Eine kleine Vitrinc
zeigtc die Arbeiten des Hcrmannstädtcr Meistcrs Seba-
stian Hann, wclcher am Ende des 17. Jahrhunderts
Gefäße, namentlich Hunipen, mit sehr hoch in Nelies
getriebcnen sigurcnreichen Darstellungen gesertigt hat-
Es sind recht gute Arbeitcn, doch licgt der Schluß
nahc: wenn diese Werkc das Bestc der Zeit in Sicbcn-
bürgen waren, so kann das gcwöhnliche Fabrikat auf
keiner allzu hohen Stuse stehen, und das bestätigt das
vorhandene Material. Bis auf einige vbenerwähnte
begegncn wir durchweg dcn in Deutschland und ander-
wärts beliebten Formen der Zeit, namentlich spielcn
auch hier Miinzbecher, gcfaßte Kokosnüsse und allerlei
Spielereien eine große Rolle.

Aus guten Gründen waren übrigens die cingc-
sandten Fälschungen nicht zurückgewiesen, sondern in
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