Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

Page: 593
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1884/0299
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
593

Jörg Sürlin als Kupfcrstecher.

594

Die Rvscn, Blätter, Ähren, alles ist von gediegenster
Durchsührung in Zcichnung uud Rundung. Dcis
Gcmze wirkt reich und harnivnisch. — Ein Vvrteil ist
dem Chvr dnrch die ncue Bcdachung dcr nvrdlich an
ihn grcnzendcn Ncidhard-Kapclle nach dem ursprüng-
lichcn Pläncn (zwci Giebeldächcr ncbeneinandcr, ent-
sprechcnd dem äußcrcn und inncren Teile der Kapcllc)
erwachsen, sofcrn dadurch dic bcidcn Nordfcnster viel
tieser heruntcrgeführt werdcn konntcn; cincs ist bereits
mit Glasmalerci versehen, welches beim anderen (letzten)
nicht mchr lange auf sich warten lassc» wird. — Zn-
nächst ist sür das laufcnde Jahr die Ausstattnng auch
des Mittelschiffes mit cincm eiserncn Dachstuhl und
Kupferplattcnbcdcckung, dcmnächst die Ncuaufstellung
der Orgel und der gänzliche Abschluß aller Ver-
stärkungsarbeiten in Aussicht genommen.

^örg 5ürlin der Züngere als Aupferstecher.*)
von Max Lehrs.

Der interessante Artikel über die beiden Jörg
Sürlin in Nr. 23 der Kunst-Chronik beleuchtet auch
das bisher noch ungedeutete Mvnogramm eines deut-
schcn KupfcrstccherS des 15. Jahrhunderts, welches
Bartsch Bd. VI, S. 314 reproduzirt, und dessen Er-
klärung auch von Nagler in den Monogrammistcn
Bd. IV, Nr. 399 crfolglos vcrsucht wird.

Beide Autoren beschreiben einen Kupferstich in der

Hofbibliothek zu Wien mit dem Zcichcn:

Ein Weihbrunnkessel mit dem Wedel, Höhe 162 nun,
Breite 108 imn. Es kann wohl keinem Zweifel
unterliegen, daß nach der Natur des dargestellten
Gegenstandes, der Übereinstimmung des Meisterzeichens
und der beiden Buchstaben I und 8 nur Jörg Sür-
lin der Urheber des in Rede stehcndcn Blattes sein
kann, und zwar wird man den jüngcren Künstler dieses
Namens als den Stecher des Weihbrunnkesscls anzu-
nehmen haben, da das Blatt um die Wende des
15. Jahrhunderts cntstanden sein mag. Willshire
nimmt in seinem vataloZris ok eurlzi xrints in tlis
Ilritisli LIiissnin, Uonäon 1883, vol. II, p.-iA. 253,
sogar das erste Viertel des 16. Jahrhunderts als Ent-
stchungszeit des Stiches an. Das Lvndoner Exemplar
des Blattcs ist silhouettirt, so daß das Monogramm
des Künstlers fehlt. Dagegen besitzt das British

*) Dieser Aufsatz befand sich bereits vor dem Erscheinen
des Artikels in Nr. 30 in den Händen der Redaktion und
die hier mitqeteilten Zeichen sind daher, abgesehen von denen
der beiden Kupferstiche, auf die Autorität der früheren Au-
toren hin gegeben. Anm. d. Red.

Muscum cincn zwciten Stich dcsselbcn Künstlers mit
dessen Chiffre in dcr Mitte. Es ist cine achtcckige
ornamentirtc Platte, wclchc Bartsch und Nagler
(Passavant führt den Künstlcr übcrhaupt nicht auf) un-
bekannt gcblicben ist, und zncrst von Willshire a. a. O.
unter ll. 35 beschrieben wird.

Jörg Sürlin der ältcre scrtigte bckanntlich die
Chorstühlc dcs Münstcrs zu Ulm, nnd zwar laut der
daranf angebrachtcn Jnschrift von 1469—1474. Die
Erfindung des Wcihwasscrkcsiels wird dagcgen dem
jüngeren Sürlin zugeschrieben.

Es wäre wohl möglich, daß der Mcister ange-
sichts eincr so wichtigen Aufgabe den Entwurf in
Kupfer gcstochen habe. Leidcr existirt keine Ncpro-
duktion des seltenen Blattes, und ich kann aus der
eigenen, sehr verblaßtcn Erinnerung an dcn Stich der
Hofbibliothek über cine etwaigc Jdentität beider Weih-
wasserkessel nichts sagen. Es wird aber den Wiener
Forschcrn cin Lcichtcs sein, den Stich mit dcr Abbildnng
dcS Ulmer Kcssels zu vcrglcichen. Eine solche findet
sich in dem 1844 erschicncnen Werk von E. Mauch:
„Zur Architcktur und Ornamcntik des deutschen Mittel-
alterS ans dcm Mllnstcr zu Ulm. Veröffentlichung
des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und
Oberschwabcn", wo auf Bl. VII der Aufriß und zwei
Querschnitte des Kessels gegeben sind, während Bl. I—
VI die Chorstühle des älteren Sürlin enthalten.

Sollte ein solcher Vergleich die Jdentität beider
Kessel ergeben, so würdc dadurch eincrseits dic Nichtig-
keit der Deutung des Monogramms auf dem Stich
auch formcll bekrästigt, andercrseits aber — und dies
dürfte wichtiger sein — die Vermutung, daß der
Ulmer Weihbrunnkeffel vom jüngeren Sürlin stamme,
zur Gewißheit erhoben.

Für besonders skcptische Gcmüter, welche von dcr
Übereinstimmung des Meisterzeichens auf dcm Wiencr
Stich mit jenem des jüngercn Sürlin nicht ganz über-
zeugt sein sollten, wcil das in Nr. 23 der Chronik

abgebildete Zeichen oben eine verkehrte 4 zeigt:

will ich hinzufügen, daß sich ein mit dem Stich genau
stimmendes Zeichen auf dem Riß zu einem Altarc
unter den Münstervisirungen zu Ulm findet, mit der
Jnschrift:

joerZ sirliii 1^96

(vergl. Kunstblatt 1833, S. 410, und Nagler, Mono-
gramm. I, Nr. 1405.) — Da die Thätigkeit des älteren
Sürlin nur etwa bis 1493 konstatirt ist, kann diese
loading ...