Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Noue Schriften über die Darstellung des jüugsten Gerichtes.

seincs Sohnes (z. B. von Hvrtleder und Chyträus)
sicher zu deren Ruhm cbenso anekdotenhaft ausgebeutet
worden wäre, wie die von ihncn ausgeschmückte Audicnz
Cranachs beim Kaiser nach Gefaiigeunahme dcs Kur-
sürsteu. Es ist also wahrscheiulicher, daß die Bilder
ohne alles Aussehcn nach Madrid gelangt sind; wäre
es durch Moritz selbst gescheheu, was aber aus gewisseu
Griiudcn unwahrscheiulich ist, sv köunte es jedcnfalls
nur kurze Zeit, nachdem Ler Kurhut an den Herzog
gekvmmen, erfolgt sein. Mir scheint der unten ange-
dcutete Hergang wahrscheinlicher.

Dagegen ist nicht zweifelhaft, daß die Bilder in
Madrid von Ansang an als Trophäen insvsern an-
gesehen werden konnten, als auf Nr. 100V neben dem
besiegten nnd gefangenen Kursürsten auch dessen Lei-
densgenosse Landgraf Philipp von Hessen dar-
gestellt ist. Wenigstens paßt auf keinen der zu jcner
Zeit mit dem Ernestinischen Knrhausc Sachsen ver-
kehrenden deutschen FUrsten so beguem die hvhe und
untersetzte Statur, die Gesichtsbildung, das Doppelkinn
und der blonde Bart des zweiten Gastes, der auf dcm
Bilde den Ehrenplatz vor Moritz hat, als anf den
Landgrafen. Dieser hatte namcntlich, ganz wie jenes
Porträt, eine ziemlich starke Kopfbildung, welche
eine eigentümliche, den Nacken deckende Mütze nvch
mehr hervorhob, dcr Kopf ruhte auf einem kurzen
Halse und ein starker Rumpf auf verhältnismäßig
schwachen Beinen. Lcider ist das Gesicht auf dem
Bilde etwas verputzt und vhne die kräftige Modellirung
der andern Köpfe, doch erkennt man auch hier deut-
lichst Philipps hochgezogene Augenbrauen, Doppelkinn
und langen Schnurrbart, welche allen seinen Porträts
cin bestimmtes Gepräge geben. Nur die reiche, dunkle
Kleidung des fürstlichcn Bildnisses auf Nr. 1006, die
bis aus die ciselirten Kuöpfe uud die Einlagen der
Dolchscheide rc. genauestens wicdergegeben ist, will zu
den einfachen Kostümen nicht passen, die Philipp auf
deu Pvrträts aus späterer Zeit in hessischen Schlössern
trägt. Dvch dürftc dies kein zureichender Grund sein,
die Jdcntität der iu verschiedencn Lebensphascn dar-
gestellten Person zu bcstrcitcu, da die in Betracht kvm-
mcndcn Bildcr in den wesentlicheu Zügen und der
Körpcrhaltuug übereinstinimen und Atter und Schick-
sale svwvhl auf Philipps in unserem Bilde nvch zicm-
lich frischcn Gesichtsausdruck, als auch auf die Wahl
seiner Kleidung eingewirkt haben können.

Philipp war der Schwiegervater Moritzens
und als solcher wohl mit demselben nach Tvrgau zu-
sammen zur Jagd geladen und deshalb auch auf
uuserm Bilde an den Ehrenplatz neben dcn Kursürsten
gcstellt wvrdeu.

Diescs Vcrhältnis spricht aber wieder ziemlich
laut gegen die Wahrscheiulichkeit, daß das Bild dem

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Kaiser von Moritz selbst verehrt worden sei, da cs
Moritz nicht wohl mit Beziehung aus dic Gefangen-
schaft seines Schwiegervaters, durch Lic er sich ja selbst
beschwert und beleidigt erachtete, hingegeben habeu kanu.

Mir scheint hiernach am wahrscheinlichsten, daß
die beiden Bilder, welche Mvritz vor dem Zerwürfnis
mit seinem Vetler wohl in ebcn angedeuteter Weise
als Geschenke erhalten hatte, erst Vvn seinen Nach-
kommen an die deutschen Habsburger geschcnkt wurden
uud von diesen weiter nach Madrid gelangt sind. —
Kaiser Rudolfs II. Kunstliebhaberei, wclche in Prag
viele und unter andern auch herrliche deutsche Bilder
zusammengebracht hatte, also durch Bildergcschcnke
verpflichtet werden kvunte, deutet auf diesen Weg hin,
zumal aus Nudolfs Besitz wvhl auch Cranachs Jagd
im Belvedere herrührt. Bei dicsem Kaiser ließe sich
daun allerdiugs auch die Absicht unterstellen, er habe
bei scincm Geschenk dieser Bilder nach Spanicu, wv
mau für den Maler Cranach, wie gesagt, kaum mehr
schwärmen konute, wo aber der Sieg vvn Mühlberg
in svlchcm Ansehen stand, allerdings einen bcsonderen
Wert an ihre politischen Beziehungen geknüpft.
Daß man sie am spanischen Hvfe jedenfalls in diesem
Sinne aufnahm und hoch schätzte, beweist die dort
noch heute beliebte Meinunq ihrer Erbeutung durch
Karl V. selbst.

Neue 5chrifteu über die Darstellung des jüngsten
Gerichtes.

Droht denn dcr jüngste Tag anzubrcchen und
das letzte Gcricht zu kommen? Uber die ganze Mensch-
heit vder nur übcr die Kunsthistoriker? Bei diescu ist
das jüngste Gericht cnlschieden an der Tagesvrdnung.
Sie studiren es mit einem Eifer, welcher lebhaft an
die Sorge erinnert, mit welcher nach einer weit vcr-
breitetcn Sage die Menschcn am Schlusse des vorigen
Jahrtausendes die Anzeichcn des kommendcn jüngsten
Tages beobachtcteu. Das jüngste Gericht bedeutet doch
das Endc dcr Dinge. Jn der Kunstgeschichte heißt es
aber heute: Jüngstes Gericht und kein Ende. Abge-
sehen von dem trefflichen Essay über die Darstelluiigcn
des jüngsten Gerichtes, welchen Fr. T. Kraus seinem
Buch über „Die Wandgemälde in der S. Georgskirche
zu Oberzell auf der Reichenau" cinverleibt hat, uud
von eincm Aufsatze gleichfalls cines ältercn Kunst-
histvrikers, welchen das Repertorium der Kunstwissen-
schaft in dem fälligen Julihefte publizirt, sind unmittcl-
bar nacheinander zwei selbständige Schriften über dcn
gleichen Gegenstand erschienen. Durch eiuen mcrk-
würdigen Zufall hat sich das Jnteresse der verschieden-
sten Forscherkreise der Lösung eiuer und dersclben
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