Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

Page: 701
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1884/0353
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
19- Iahrgang.

Beiträge

stndcm^)rof.Dr. L.von
Lützow (wien, Chere-
sionu,ngoffe25) oder an
die verlagshandlung in
^eipzig, Gartenstr. 8,
zu richten.

(8. September

Nr. Hä.
Inserete

ä 25 s)f. für die diei
Dlal gespaltene s)etit-
zeile werden von jeder
Vuch- u. Aunsthandlung
angenommcn

,88^.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Kunstchronik Nr. 44 crschcint m» 2. Oktobcr.

Die Ncarienburg und ihre N)iederherstellung.

(Schluß.)

So stehen dcnn hcnte von dcin alten Schloß
eigentlich nnr noch dic Umfassnngsmaucrn; die Gewötbc
inwendig sind alle herausgebrochen, und an ihre Stelle
Holzböden eingezogen, die bis vor wenigen Jahren
als Getreidemagazine dienten. Aber wie wunderbar
des Schicksals Fügungen sind! Das Wenige, das noch
erhaltcn ist, genügt vollkommen, um klar die ursprüng-
liche Bauart erkennen zu lassen. Das Eigentümliche
der gotischen Bauweise besteht ja in der genauen mathe-
matischen Bcrechnung, in der streng logischen Dnrch-
bildung aller einzelnen Bauglieder. Wenn wir darum
die Konsolen und Ansätze zu den Gcwölberippen noch
haben, so wissen wir auch ganz genau, wie die Rippen
selbst gelanfen sind und wie das Ganze ausgcfehcn hat.
Dank den emsigen Forschnngen des Herrn Regierungs-
baumeister Steinbrecht, der auf Grnnd seiner nmfassen-
den Studien iiber Ordensbauten mit der Wiederher-
stellung der Marienburg betraut worden ist, hat sich
nun an den Wänden wie im Schutt eine große Zahl
solcher Bauteile gefunden, die eine durchaus zu-
treffende Erneuerung des Bauwcrks ermöglicht. Ja
noch mehr! Selbst Farbcnrcste fanden sich vor, so
daß jetzt auch eine Erneuernng dcS polpchromen Schmucks
auf sicherer historischer Grundlage erfolgen kann. Jch
selbst war Zeuge, wie Steinbrecht in eigener Person
einzekne derartige Stücke aus dem sie umhiillenden Kalk

nnd Schmntz mühsam und sorgfältig befreite, nnd wie
sich aus der unfvrmigen Masse allmählich die schönsten
Profilirungen bei verhaltnismäßig ziemlich intensiv er-
haltcner Färbung herausschältcn. Bcdenkt man nun,
daß man auch aus alten, vor die Zeit der Zerstörung
zurückgehenden Abbildungen und Beschreibungen und
außerdem aus dnrchgchenden Ähnlichkeiten in der An-
lage der Ordensschlösser sich eine Anschauung iiber dic
ehemalige Gestaltung der Maricnburg bilden kann, so
wird man zugestehen, daß man sich bei der Wieder-
herstellung derselben auf ungleich sichererm geschichtlichen
Boden bewegt, als beispielsiveise beim Kölner Dom,
bei dem es sich eigentlich um einen völligen Neu-
bau nach Maßgabe des allein im Mittelalter aus-
geführten Chores und Turmunterbaues gehandelt hat.
Zugleich hat diese genaue Dnrchforschung der Ordens-
bauten, speziell der Marienburg, manche greifbaren
baugeschichtlichen Ergebnisse geliefert, die auch für die
politische Geschichte von Wichtigkeit sind. Es hat sich
herausgestellt, daß die Ordensschlosser weit älteren Ur-
sprungs sind, als z. B. noch Lohmeier in seiner Ge-
schichte Ost- und Westpreußens annimmt. Sie sind
fast durchweg bereits im 13. Jahrhundert gebaut und
zwar in der sesten Gestalt, deren Reste noch heute für
uns eine so beredte Sprache führen. Es macht sich
also ein ganz klarer Organisationsplan geltend, der
bei der Besetzung und Eroberung des Landes von An-
fang an der herrschende war. Jch muß hier darauf ver-
zichten, anf die Einzelheiten einzugehn, die mir Herr
loading ...