Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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Durchbruchstraßen und solche in verschie-
dener Höhenlage übereinander anlegen.
Kurz, man muß die Stadt intensivieren.
Es gibt in dieser Hinsicht eben nur zwei
Möglichkeiten. Entweder ziehen wir die
Konsequenzen der Radioaktivität und der
Überwindung der Luft und verteilen den
Lebensraum über das ganze Land oder wir
mechanisieren die Konzentrationspunkte.
Wahrscheinlich wird beides geschehen müs-
sen. Man wird in der Gebietserschließung
tatsächlich weit größere Kreise beschreiben
können, Avas die herrlichsten Perspektiven
für eine naturnahe Lebensform eröffnet,
d. h. natürlich eine, die keinen Rückfall in
pardiesische Primitivität bringt, sondern die
Zivilisation bejaht. Und man wird ebenso
die Brennpunkte des Verkehrs und Er-
werbslebens mit ihren Konzentrationser-
scheinungen brauchen. Man wird sie nicht
direktionslos ins Ungemessene sich erwei-
tern lassen, sondern rationeller als bisher
durchbilden, um höheren Nutzeffekt zu er-
zielen. Es ist nicht unbedingt nötig übri-
gens, daß dadurch nach amerikanischen
Beispielen das Leben in solchen Städten zur
Hölle wird. Relästigungen entstehen erfah-
rungsgemäß immer bei mangelhaften Ein-
richtungen; man vergleiche die Industrie
oder auch nur einen Bratherd, So bedeutet
auch die Idee solcher vollkommenen
Durchmechanisierung des Stadtorganismus,

richtig verstanden: Ausschaltung unproduk-
tiver Störungen, Ausbildung aller Möglich-
keiten.

Gibt es eine Parole, die der gestaltenden
Phantasie willkommener sein könnte? Vor
dem Auge tauchen alle die glorreichen Uto-
pien auf, in denen seit je der Geist des
Menschen die unzulängliche Gegenwart
überwand. Nicht nur rein grundrißmäßig
ornamentale Entwürfe sind hier gemeint,
wie sie in den monumentalen Platzanlagen
des 18. Jahrhunderts ihre Vorgänger haben
und im Zusammenhang mit gewissen
Durchbrüchen laufend, besonders seit dem
Wettbewerb ,,Groß-Berlin", Gegenstand
von mehr oder weniger axialen, als Neu-
land aber doch nicht zu wertenden Entwür-
fen zu Plalzanlagen und dergl. bilden. Son-
dern es geht hier etwas vor, das bisher Un-i
denkbares in dem Rereich des Möglichen,
ja, des Notwendigen rückt, worin das Kenn-
zeichnende der „Utopie" liegt. Ungefähr
gleichzeitig entstanden z. R. die New-Yor-
ker Hochstraßenprojekte und ein Modell
Bellings mit ähnlichen Motiven für den
Nollendorfplatz. Dies bedeutet nichts ande-
res als den Beginn des dreidimensionalen
Städtebaus. Was man bisher kannte, waren
in den Aufriß übertragene Grundrisse, Di-
mensionierung von Wänden: Fläche. Es
mußte erst die Not kommen, daß der Stra-

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