Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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und ihre Harmonie wird erheblich gestört,
wenn der eine Teil, hier zumal der künst-
lerische, sich allzu eigensüchtig behaupten
will. Aber das ist nicht anders bei all den
Liaisons, in die Kunst sich begeben: bei
Bühnenkunst, Gerätekunst, Reklamckunst,
Raumkunst. In allen aber liegt, recht
durchdacht, als eigentliches, letztes Ziel ihre
Selbslaufhebung: erst dann nämlich ist ihr
Sinn ganz erfüllt, wenn sie unnötig, wenn
Kunst und Gewerbe wieder Eines geworden
sind. Erst wenn der Handwerker wieder so
künstlerisch denken und schaffen kann, daß
er vom Künstler nicht grundsätzlich mehr
zu scheiden ist — erst wenn der Künstler
aus seinem bewußten, selbstherrlichen
Kunstwollen sich wieder zurückgefunden
hat zu bescheiden - handwerklichem Tun:
erst dann wird wie das Wort so der Ge-
danke Kunstgewerbe so wenig mehr ver-
sländlich sein, als er es ehedem gewesen
wäre. Allerdings steht der Erreichung sol-
chen Zieles die Maschine im Wege, auf die

wir nun einmal unentrinnbar verschworen
sind: die Maschine mit ihrer notwendigen
Arbeitszerstückelung, die allem handwerk-
lichen als einem den gesamten Arbeitspro-
zeß umfassenden Schaffen völlig entgegen-
gesetzt ist. Aber es würde zu weit führen,
sich über dies Problem hier näher zu ver-
breiten angedeutet sei nur, daß uns die Er-
kenntnis schon ein wichtiger Scbrilt vor-
wärts dünkt zur Lösung dieses zentralen
Problems, unseres Kullurproblems schlecht-
hin, daß man von jedem Entweder-Oder zu
einem Sowohl-Als-auch gekommen ist:
Handwerk und Maschine!
Daß in einer Epoche, wo die Kunst geistig
geworden ist und der Geist künstlerisch, wo
wir denkend zu sehen und sehend zu denken
gelernt haben, gerade die Buchkunst als die
sichtbare äußere Verknüpfung von Geist
mit Kunst eine so bedeutende Rolle spielt,
so viele starke Kräfte ihr gerade sich zuwen-
den : das aber scheint uns fast symbolisch
zu sein.

INKONSEQUENZEN

VON F. H. EHMCKE, MÜNCHEN

Seit 3o Jahren wird um die Idee der neuen
Form gekämpft. Was lange Angelegenheit
eines kleinen Kreises war, steht plötzlich im
Mittelpunkt allgemeinen Interesses. Die
größten modernen Bauaufgaben sind über
Nacht zu lauter Problemstellungen für
unsere führenden Architekten geworden.
Was gar in den ungeheuren Bereich der
Technik, der neuzeitlichen Arbeitsprozesse
gehört, das drängt nach neuer Formung.
Die modernste Werbekunst geht selbst in
der Scbrif Igestallung eigene Wege und
sucht in der Elementaren Typographie
völlig selbständige, vom Überkommenen
unabhängige Ausdrucksmitlel.
Nur in der Buchkunst, die ursprünglich zu
den am schnellsten von der neuen Formidee
ergriffenen Arbeitsgebieten zählte, hat sich
seit Jahren eine reaktionäre Gesinnung ein-
genistet und behauptet zäh ihr Feld. Die
Auffindung einer großen Anzahl alter
Schriftmatrizen, die Genießerfreude einiger
maßgebender Bücherfreunde und die Mög-

lichkeit, mit Hilfe der vervollkommneten
Technik alles und jedes nachzuahmen,
haben nach und nach eine ganze Reihe von
Typen des 18. Jahrhunderts in neuen
Schnitten auferstehen lassen: meist An-
tiquaschrif ten einer klassizistischen Periode,
die einander so ähnlich sehen wie ein Ei
dem andern, wenn sie auch — wie die
Bodoni, die Didol, die Baskcrville — Italie-
ner, Franzosen oder Engländer zu Urhebern
haben.

Verleger und Drucker haben dem zuge-
stimmt und somit verschuldet, daß wir in
der gleichen Zeit, da wir inmitten einer
Formumwälzung von nie erlebtem Schwung
und Ausmaß stehen, eine Schriftart pfle-
gen, die um i5o Jahre älter ist als wir und
die in ihrer nicht mehr forlentwickelbaren
Ausgeglichenheit und Vollendung in strik-
tem Widerspruch steht zu unserer durch
Kampf und Bewegung aufs äußerste ge-
spannten Zeit. Beispielsweise bietet diese
Zeitschrift einerseits mit ihrem aus der

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