Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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QUALITÄT ODER QUANTITÄT?

EINE KULTUR- UND WIRTSCHAFTSPOLITISCHE BETRACHTUNG

VON %*

„Was Deutschland retten kann, ist allein die Qualität''.

Loham „Der Deutsche Kulturverfall", in „Die Grenz-
boten", Januar 1922.

Die Menschen sind im hohen Maße typische
Wesen mit uniformen Trieben und Bedürf-
nissen. Die gleiche Grundlage der körper-
lichen Gestalt, die gleiche triebmäßige
Struktur der Seele mit typischen Gedanken,
Empfindungen und Strebungen geben der
wirtschaftlichen Produktion, d. h. derjeni-
gen menschlichen Erzeugungstätigkeit, die
sich auf die Befriedigung der körperlichen
und geistigen menschlichen Bedürfnisse
richtet, in weitem Ausmaße ein typisches
Gepräge. Typisch in der Grundlage ihrer
Formung sind die Wohnungen, sind die
menschlichen Kleidungsstücke vom Stiefel
bis zum Hut gestaltet, typisch in ihrer Zu-
sammensetzung nach Eiweiß, Fett und
Kohlehydrat müssen die Nahrungsmittel
sein, typisch angepaßt an die in der Zeit-
richtung liegenden allgemeinen Gedanken,
an Empfindungen und Strebungen anknüp-
fend erscheinen die geistigen Erzeugnisse,
wie sie sich in den Werken der Kunst und
der Wissenschaft, in unterhaltenden und be-
lehrenden Büchern, in Zeitungen und Zeil-
schriften ausdrücken. Und doch erfüllt
diese Typisierung, so sehr sie einer Notwen-
digkeit entspricht, fast jeden Menschen, der
einmal darüber nachdenkt, mit steigendem
Widerwillen, auch wenn er noch so sehr
selbst Wesen der Masse ist, in großen Ar-
beilsräumen mit Massen seinesgleichen die-
selbe Arbeit verrichtet, in weiten Eßsälen
mit hunderlen Gleichhungrigen in gleicher
Weise abgespeist wird, in großen Vergnü-
gungsetablissements dieselben Zerstreu-

ungen findet, wie die viel zu vielen. Natur-
notwendig empfindet jeder einzelne sich
trotz alledem als etwas Einmaliges und Ein-
ziges und hat dem tiefen Drang dieser Ein-
maligkeit und Einzigkeit Rechnung zu tra-
gen. Auf allen Gebieten der Wirtschaft ist
deshalb neben dem Typisieren weiter Wirt-
schaftszweige, wie es namentlich von Ame-
rika solange mit glänzendem geschäftlichen
Erfolge betrieben wurde, als genügend Kul-
turleistungen erfolgten, stets die wirtschaft-
liche Individualisierung, die schöpferische
Leistung, besonders lohnend gewesen. Wem
es beispielsweise gelang, der Uniformilät
der Mode mit individuellen Kleidungsstük-
ken entgegenzutreten, wer ein eigenartiges
Kleidmodell, eine besondere Anzugs-, Hul-
oder Krawattenform hervorzubringen ver-
mochte, wer einen Stiefel liefern konnte,
der, obwohl er die typischen Grundlagen
der Gestaltung nicht verließ, sich doch von
den tausend einförmiger Stiefel, die sonst
im Laden vorhanden waren, vorteilhaft
unterschied, wer ein Buch oder eine Zeil-
schrift zwar ebenso handlich herzustellen
vermochte, wie es für den Gebrauch erfor-
derlich ist, seinem Erzeugnis aber dennoch
eine Gestalt, einen Einband, ein Papier, eine
Schriftart geben konnte, die sich von der
Masse der Bucherzeugnisse abhob, fand
schon jedesmal dabei seinen Gewinn. Nicht
nur deshalb, Aveil er dem eben gekennzeich-
neten Streben auch des Massenmenschen,
nicht ganz Masse, sondern auch Persönlich-
keit sein zu wollen, schmeichelte, nicht nur

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