Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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Der Leser: Wenn Sie jede Kraft ,,lebendig" nen-
nen, muß ich es wohl zugeben. Denn es ist ja in
der Tat in manchen dieser Maschinen eine ganz
ungeheuerliche Kraftleistung nicht nur verbor-
gen, sondern — -wenigstens für den, der diese For-
men einmal zu „sehen" gelernt hat — unmittelbar
offenbar. Aber niemals kann ich zugeben, daß
diese Art des ..Ausdruckes" einer Kraft mit dem
seelischen Ausdruck, den wir als das Wesen der
Kunst ansehen und den ich Ihnen in einem über-
tragenen Sinne auch für die Natur zubilligen
muß, irgend etwas gemein hat. Ich weiß sehr
wohl, daß philosophische Köpfe unler den Natur-
forschern auf die sehr merkwürdigen Analogien
hingewiesen haben, die sich zwischen technischen
Formen, die aus der reinen Konstruktion stam-
men, und Pflanzenformen herstellen lassen — ich
kenne z. B. auch das reizende kleine Büchlein von
B. H. France „Die Pflanze als Erfinder", in dem
der Verfasser nachweist, daß der Mensch durch
genaues Studium der Natur viel einfacher auf
viele Erfindungen hätte kommen können —, aber
gerade wenn man diese Beispiele betrachtet, muß
man die unüberbrückbare Kluft zwischen dem
lebendigen, seiner selbst unbewußten Wachstum
und der bewußt und kalt konstruierten Form an-
erkennen. Und wenn man diese konstruierten
Formen auch noch so interessant findet, — mit
einer ästhetischen Betrachtung, mit einem echten
Formensinn hat das alles doch gar nichts zu tun.
Es hat ja wirklich den Anschein, als ob unter der
Tyrannei dieser neuen Macht das ästhetische Ge-
fühl, ja überhaupt das Bedürfnis nach „Form"
allmählich aussterbe.

Der Herausgeber: In der Tat, die Gleichgültig-
keit, mit der ein großer Teil der heutigen Jugend
der bildenden Kunst gegenübersteht, mag ein Zei-
chen dafür sein, daß die nächste Zukunft der
Pflege der bildenden Kunst wenig günstig sein
wird. Aber ich glaube nicht, daß man daraus auf
ein Verkümmern des Formsinns — das allerdings
auch nach meiner Meinung ein Symptom kul-
turellen Niedergangs wäre — schließen darf.
Denn diese gleiche Jugend beweist technischen
Formen, z. B. den Formen der Kraftwagen,
gegenüber ein Unlerscheidungsvermögen, d. h. ein
Gefühl für ganz feine Unterschiede, das man
nicht aus dem Gefühl für die Technik allein er-

klären kann, das vielmehr als echter Formsinn
bezeichnet werden muß. Darin liegt aber ein Hin-
weis auf die Zukunft von außerordentlicher Be-
deutung. Ich glaube in der Tal, daß wir hier
vor den ersten Anzeichen einer ganz neuen Ent-
wicklung stehen, deren ungeheure Bedeutung als
erster Ernst Kropp erkannt hat. Wenn Sie sein
Buch über „Die Wandlung der Form im 20. Jahr-
hundert" noch nicht gelesen haben, so tun Sie's
bald. Wenn Sie auch nicht gleich alles zugeben
werden, was da behauptet wird, so werden Sie
durch die Hauptthese des Buches zum mindesten
gezwungen, in dieser ganzen Frage der Technik
ein kulturelles Problem zu sehen, das des ein-
dringlichsten Nachdenkens wert ist. Ich glaube
ja wirklich, daß mit dieser Hauptthese einer der-
jenigen Gedanken gefunden ist, die die Entwick-
lung der Zeit am stärksten vorwärtszutreiben ge-
eignet sind: mit der These, daß die „Technik"
eine neue Phase der Naturentwicklung bedeutet,
nicht etwa eine Entzweiung des Menschen mit der
Natur, daß aus dieser Technik eine ganz neue
Formenwelt, die „starre Form" entstehen wird,
die ihre Analogien in der Natur hat, deren volle
Entfaltung aber erst der Zukunft vorbehalten
bleibt. Das mag bis jetzt nur ein Glaube sein, —
aber die ersten Anzeichen einer Be tätigung haben
wir meines Erachlens doch bereits erlebt und die
Entwicklung geht mit so ungeheurer Schnellig-
keit vor sich, daß wir auf baldige Erfüllung hof-
fen dürfen. Also lesen Sie das Buch — und lesen
Sie dann auch die Aufsätze, die Emil Prectorius
zu dieser und zu verwandten Fragen geschrieben
hat; er sagt manches noch klarer, und da er aus
einem Kreise kommt, der kulturell die höchsten
Ansprüche erhebt, mag sein Wort in dieser Sache
besonders beweiskräftig sein.

Der Leser: Das will ich also tun, und mich erst
nachher wieder mit Ihnen unterhalten. Wenn ich
überzeugt werde, soll es mir recht sein. Ich hoffe
sogar darauf: denn wenn es wirklich wahr ist,
daß die Technik eine echt lebendige Macht ist
und nicht die Feindschaft gegen die „Natur" be-
deutet, dann kann man eher erwarten, daß auch
das ganze herrliche Reich der Kunst mit seinen
seelischen Entzückungen nicht zugrunde geht; es
kann ja nur da gedeihen, wo die Kräfte der Natur
noch ungebrochen sind! W. Riezler

Zusammenstellung und Beschriftung der Abbildungen besorgte W. Lötz. Abbildungen S. S. 237, 238 unten, 239,
241, 242, 243 oben, 245 oben mit Erlaubnis von Photograph Renger-Patzscb, Bad Harzburg, S. 240 mit Erlaub-
nis des Kunsthistorischen Seminars Marburg/Lahn, S. 243 unten mit Erlaubnis der A. E. G. Berlin, S. 244 unten
mit Erlaubnis von Professor Paul Klee, Dessau, und der Galerie „Neue Kunst Fides", Dresden, S. 245 unten mit
Erlaubnis von Forstmeister Scheidter, München-Solln, S. 244 oben mit Erlaubnis der Hermsdorf-Schomburg-Isola-
toren-G. m. b. H., aus deren Versuchsfeld die Aufnahme stammt.

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