Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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die Dauer unleugbar zu starken Umbildungen des
Wohnwesens führen. Indessen: Klare neue Wohn-
formen konnten sich bis heute noch nicht heraus-
bilden, selbstverständlich nicht, da ja die Umbil-
dungen selbst noch in voller Bewegung sind. Der
neuen Generalion erscheint zwar die seit Jahr-
hunderlen gebräuchliche Wohnung bis zur Uner-
träglichkeit falsch angemessen — nicht besser wie
wenn man ihr Bratenröcke zu Iragen gäbe — aber
eine deutliche Vorstellung auch nur ihrer
Wünsche, eine nur leidlich eindeutige Willens-
ricblung fehlt noch absolut. Was schlimmer ist:
sie fehlt auch der Mehrzahl der modernen Archi-
tekten. Nur wenige besitzen hierzu ein genügen-
des Maß von Offenheit, Freiheit und visionärer
Kraft — dem Best kann es im gegenwärtigen, ent-
scheidenden Moment nur zur Mitläuferschaft
langen.

Frank Lloyd Wright hatte schon vor 20 Jahren die
neiligen Qualitäten. Er wußte einen Weg zum
neuen Wohnen. Aber seine Amerikaner sind ihm
bis heute nicht willig gefolgt, er muß noch zehn
Jahre Geduld haben.

Auch die Vorkämpfer in Europa sehen, daß sie
noch Geduld haben müssen (wären nur nicht die
Mitläufer, die zugleich zumeist die fatalsten
Schnelläufer sind!). Selbstredend: eine Wohnkul-

tur kann nicht erzwungen werden. Aber ist sich
die Masse der Bevölkerung über die Richtung ihres
Wohnwillens gegenwärtig noch nicht klar, so kann
man doch wohl ihre Sinne schärfen, Vorurteile
lösen, Instinkte wecken und die Begungen sorg-
fältig beobachten.

Vielleicht weiß die neue Generation nur darum
nicht, wie sie wohnen will, weil sie die Möglich-
keiten gar nicht ahnt. Also zeige man ihr die
neuen technischen Voraussetzungen des Woh-
nungsbaues, man mache sie mit den zweckmäßig-
sten Wolmungsausstattungen und Apparaten be-
kannt, man führe ihr auch vor, was die wirklichen
Köpfe unter den Baukünstlern aus aller Welt
Neues erstreben — und seien es selbst phantasti-
sche Pläne. Und soweit man praktische Wohnbei-
spiele gibt, so ist es vorerst gut, so wenig als' mög-
lich festzulegen; im Gegenteil: zu zeigen, daß sich
alles noch formen läßt — im Gebrauch formen
wird. {Daher die variablen Grundrisse in den Ge-
rüslbaulen der Mies van der Bohe, Le Corbusier,
Mart Stam.) So wird man der Klärung des Wohn-
willens dienen.

Und damit ist das Ziel der Werkbundausstellung
1927 „Die Wohnung" in Stuttgart umrissen.

Werner Gräff

DIE WEISSENHOFSIEDLUNG / RECHTS DER WOHNBLOCK VON MIES VAN DER ROHE

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