Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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KRAMER: FENSTEROLIVE, WEISSMETALL

ziehen, der für die richtige Gestaltung des Zu-
sammenlebens gezogen werden muß: Der gemein-
same Spiel- und Schlafraum der kleinen Kinder
kann zur rechten Zeit in zwei Schlaf- und Ar-
beitsräume verwandelt werden, indem mitten hin-
durch eine Wand gezogen wird. Die Einrichtung
dieser abgetrennten Jungen- und Mädchenstuben
ergibt sich von selbst. Längs der einen Wand
stehen die Betten, an der anderen reiht sich der
Arbeitstisch an das Arbeitsschränkchen, daneben
steht der (eingebaute) Kleider- und Wäsche-
schrank. Wird der Tisch gebraucht, dann steht
er quer vor dem Fenster.

An dem üblichen Bild des Schulzimmers größerer
Kinder ist hier also nichts geändert. Wichtig ist
nur, daß es sich ohne große Kosten und Mühen
aus dem ursprünglich gemeinsamen Kinderzim-
mer herstellen läßt. Anders steht es mit dem
Baum, der die Kleinen vor der Pubertätszeit be-
herbergt. Er hat die vier Betten aufzunehmen,
— wir rechnen zwei Kinderbettstellen und zwei
große — einen Schrank, das Spielzeug, einen ge-
meinsamen Tisch zum Essen und Arbeiten und
Nähtisch resp. Nähmaschine der beaufsichtigenden
Mutter. Außerdem ist von Wichtigkeit, daß der
ganze Baum ohne Mühe in einen freien Platz
verwandelt werden kann, damit die Kinder ihre
Gymnastik treiben, Theater spielen, die Eisenbalm
aufbauen, sich raufen und balgen können. Es
ist keineswegs nötig, sogenannte Kleinkindermöbel
nach Montessori-System aufzustellen. Denn be-
kanntlich wachsen diese nicht mit den Kindern

mit, und „jeder Altersstufe ihre eigenen Möbel"
mag vielleicht für die Möbelindustrie eine dan-
kenswerte Parole sein, der Hausfrau aber dürfte
ein solches Programm doch zu weit gehen. Wer
kleine Kinder kennt, wird auch wissen, daß sie
den Extraslühlen die großen Stühle vorziehen, auf
denen sie knieen, um am selben Tisch zu sitzen
wie die „Großen". Dieser gemeinsame Tisch muß
nun sowohl leicht als stabil sein, und — was von
großer Wiehligkeit ist —• er muß ohne weiteres
zusammengeklappt werden können, so daß er mit
einem Handgriff zur Fläche wird und vor dem
Schrank abgestellt werden kann. Am Schrank
selbst sind Klammern anzubringen, die den Tisch
feslhalten, damit er nicht umfällt, wenn die Kin-
der ins Toben kommen. Der freie Platz, der auf
diese Weise gewonnen wird, faßt ungefähr 12i/2
Quadratmeter. Die Kinder haben ihre Bewegungs-
freiheil!

Aber den ganz Kleinen genügt das noch nicht. Sie
wollen größer sein als sie sind und brauchen
Stufen zu ihrer Erhöhung, und da sie keine im
Zimmer haben, rücken sie aus und treiben sich auf
schmutzigen, zugigen Haustreppen und Fluren
herum, beschmieren sich, holen sicli Erkältungen
und weinen, wenn man sie zurückholt. Warum
gibt man dem Kind keine Treppe in sein Spiel-
zimmer? Man baue sie doch ein! Sie darf aller-
dings nicht steil sein, und sie muß ein hohes
Geländer haben (an einer Seite lehne sie an der
Wand), und wo sie endet, ist eine herrliche Platt-
form, genau in der Fenslerecke. Das Geländer
wird hier zur Brüstung, von der aus der Feld-
herr seine Schlacht kommandiert (der Pazifist
spielt natürlich Dampfer und Kapitän), oder zur
Mauer in Frau Schulzens „Wohnung", während
Frau Müller darunter haust, in dem Zwischen-
raum, der unterhalb der Treppe geschaffen wird.
Kinder lieben nichts mehr als Ecken und Winkel-
chen, die von der übrigen AVeit abgetrennt sind
und die sie sich ganz nach ihren Einfällen zu-
rechtmachen können. Eine abgeteilte Wohnung
unter dem Tisch, eine Räuberhöhle unter der
Treppe, das sind ihre Himmelreiche. Eine Treppe
im Zimmer — und alle Phantasien der Kinder
entwickeln sich, leben sich aus und werden zu
rechter Zeit abreagiert, wo sie noch natürlich
wachsen.

Der Einwand ist leicht da: Die Treppe braucht
zmicl Plalz. man kann sie deshalb nicht einbauen.
In Wirklichkeil liegt die Sache aber anders: Unter-
halb der Treppe befindet sich leerer Baum. Hier
können alle die herumstehenden Sperrspielsachen
aufbewahrt werden, die in den Warenhäusern
immer so nett aussehen und die Anfechtung jeder
Hausfrau bilden, die mit dem Platz rechnen muß,
als da sind: Puppenwagen, Dampfmaschine, Rauf-
mannsladen, Sandkarre, Boller usw. Jetzt liegen
die Dinge so, daß die Kinder zu Weihnachten ein
ganzes Königreich aufgebaut bekommen, und
wenn das Fest vorbei ist, wandern in den meisten
Familien die gesamten neuen Spielsachen auf den
Boden, bis zum nächsten Fest, weil sie nirgends

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