Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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HANDWERK UND WERKBUND

Bericht für die 16. Jahresversammlung des Deutschen Werkbundes
VON DR. MEUSCH-HANNOVER

Meine verehrten Damen und Herren!

Wenn ich mich unterfange, in Ihrem Kreise über
das Thema ..Handwerk und Werkbund" zu
sprechen, so bitte ich schon von vornherein für
Ihre spätere Urteilsfinduhg um die Zubilligung
mildernder Umstände. Im Verlaufe der Vorarbei-
ten für meinen heutigen Bericht ist es mir
schmerzlich klar geworden, daß eine vollständige,
historisch-gewissenhafte Abhandlung meines The-
mas eigentlich eine Auseinandersetzung mit den
bisher im Kreise des Werkbundes in ihrer ganzen
bunten Mannigfaltigkeit aufgetretenen Ansichten
einschließen müßte. Das ist aber im Rahmen
eines Referates sachlich wie zeitlich ganz unmög-
lich. Bei allem redlichen Bemühen, in die Fülle
der Meinungen einzudringen und mich innerlich
mit ihnen auseinanderzusetzen, habe ich nur die
eine Erkenntnis gewonnen:

daß nämlich bis heule im Verhältnis zum Hand-
werk von einer „Werkbundmeinung" als sol-
cher nicht die Rede sein kann, soweit hierunter
ein Ausgleich der höchst subjektiv bestimmten
Einzelmeinungen seiner Mitglieder auf einer
mittleren Linie korporativ bestimmter Willens-
meinung zu verstellen ist.
Es wäre unter diesen Umständen vielleicht besser
gewesen, vor der öffentlichen Behandlung des
Themas „Handwerk und Werkbund'* durch Ver-
handlungen im engeren Kreise festzustellen, in-
wieweit eine Verständigung über die beiderseits
vorauszusetzenden Begriffe ..Handwerk" und
..Wei'kbundarbeil im Handwerk" überhaupt mög-
lich ist. Einen dahinzielenden Antrag hatte der
Vertreter der Berufsverlrelungen des Handwerks
im Vorstand des Werkbundes, Herr Dr. W ien-
beck, bereits im Vorjahre bei der Mitgliederver-
sammlung des Werkbundes gestellt. Dieser Antrag
hat zwar die Zustimmung der Versammlung ge-
funden, ist indessen, soviel ich übersehen kann, zu
einer praktischen Auswirkung noch nicht gekom-
men. Zweifellos ist gerade deshalb auf die Tages-
ordnung der heuligen Versammlung noch einmal
das Thema ..Handwerk und Werkbund" gesetzt
worden, um durch seine öffentliche Behandlung
eine möglichst umfang- und inhaltsreiche Kritik
in den beteiligten Kreisen und in der öffentlichen
Meinung hervorzurufen, damit diese Kritik für
weitere Verhandlungen verwertet werden kann.

Aach dem Programm Ihrer heutigen Tagung,

. ^ ODO

meine Damen und Herren, soll ich die Vorausset-
zungen des handwerklichen Schaffens in der heu-
ligen Zeit darstellen, um die Wege zu weisen, die
bei der weileren Zusammenarbeit bescbrilten wer-
den sollen. Ich möchte diese mehr dornenvolle als
ehrenvolle Aufgabe wesentlich einschränken. Ich
maße mir nicht an. Wege zu weisen. Ich möchte
lediglich von der Seile der Handwerkswirtschaft
her einige Momente hervorliehen, die nach mei-
nem Dafürhalten bei den bisherigen Betrachtun-
gen auf Seiten des Werkbundes nicht hinreichend
beachtet worden sind. Die Entscheidung darüber,
welche Folgerungen aus einer mehr wirtschaft-
lich-technischen Betrachtung des Problems für die
Zukunft zu ziehen sind, muß wohl einer weiteren
Prüfung im engeren Kreise des Werkbundes und
der beruflichen Verl reLungen des Handwerks vor-
behalten bleiben.

Sowohl in der älteren wie in der neueren Werk-
bundliteratur1) trifft man häufig auf die Frage,
ob es überhaupt noch einen Sinn hat, sich in einer
Zeit der immer weiter fortschreitenden Industria-
lisierung noch mit dein Problem des Handwerks,
und zwar des Handwerks als einer breiten güter-
erzeugenden Schicht erwerbstätiger Menschen ab-
zugeben. Mit einem solchen Zweifel befinden sich
die in Frage kommenden Kreise des Werkbundes
in Übereinstimmung mit der volkswirtschaftlichen
Lehrmeinung früherer Zeiten, daß nämlich bei
dem rapiden Fortschritt der Technik, der Konzen-
Iralion des Kapitals und der sonstigen Produk-
tionsmittel der selbständige Handwerkerstand all-
mählich vollständig aufgesaugt werden würde.
Entgegengesetzt dieser Lehrmeinung hat sich die
Handwerkswirtschaf t vom Beginn des neuen Jahr-
hunderts ab trotz Kriegs- und Nachkriegszeit stän-
dig aufwärts entwickelt. So kann man heute fest-
stellen, — und zwar, wie ich ausdrücklich unter-
streiche, in Übereinstimmung mit der modernen
Wirtschaftswissenschaft — daß das selbständige
Ilandwerkerlum und das handiverkerliche Erzeu-
(/ungssystem sich auch in der Zeit des gewaltigsten
technischen Fortschritts behauptet hat. Ich möchte
hier nur auf die neuesten Untersuchungen von

i) Wenn ich von WerJtbundüteratur im folgenden spreche, so ge-
schieht das stets unter (lein Vorbehalt, daß damit nicht eine
herrschende, korporativ bestimmte Meinung unterstellt werden soll

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