Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

Page: 345
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1927/0355
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
auf Handwerksausstellungen Erzeugnisse sieht, bei
denen sich der Verfertiger bemüht hat, modern
zu sein. Andererseits aber begegnet man in
der breiten Masse der Handwerker der oft nicht
ganz unberechtigten Starrköpfigkeit gegenüber
allem Neuen und Fortschrittlichen. Denn wenn
Meusch betont hat, daß man das Handwerk
nicht mit geschmacklichen Experimenten belasten
dürfte, so kann man diese Einstellung aus dem
Handwerkerstand heraus sehr gut verstehen, denn
der Handwerker hat ja versucht, das, was er für
modern hielt, die kunstgewerblichen Linienspie-
lereien, zu übernehmen, und hat damit recht
schlechte Erfahrungen gemacht. Auf die.:e Schwie-
rigkeilen und auf die Werkbundf'eindlichkeil des
Handwerks hat Herr Dr. Meusch sehr vorsichtig,
aber bestimmt in seinem Referat hingewiesen.

Wir sehen hieraus für die Zusammenarbeit eine
gi'oße Schwierigkeit. Sie liegt in der verschiedenen
Mentalität der Werkbundleute und der Handwer-
ker begründet. Auf der einen Seite das Bestre-
ben, alles Fortschrittliche und Richtungweisende
aufzugreifen, zu beeinflussen und zu stärken, auf
der ande en Seite eine gewisse Schwerfälligkeit mit
dem naiven Glauben gemischt, daß alles Fort-
schrittliche nur eine Angelegenheit der Form-
sprache ist. Die Schwierigkeiten, die im Charak-
ter und in der Tradition des Werkbundes als
Kampforganisalion liegen, hat wohl Meusch auch
von vornherein erkannt, wenn er dem Werkbund
eine stärkere Beschäftigung mit der Durchschnitts-
leistung empfiehlt.

Es soll an dieser Stelle nicht versäumt werden,
darauf aufmerksam zu machen, daß von einigen
Seiten doch starke Bedenken gegen das Zahlen-
material, das Dr. Meusch angeführt hat, geltend
gemacht worden ist. Nicht gegen die Zahlen an
sich, sondern gegen die Tatsache, daß man mit
ihnen die Bedeutung des Handwerks nachweisen
wollte. Meusch hat in seinem Schlußwort selbst
gesagt, daß er es bedauert, daß man nach den
von ihm gegebenen Zahlen Schlüsse in gutem oder
bösem Sinn zieht. Es ist darauf aufmerksam ge-
macht worden, daß auf der bayerischen Hand-
werks-Ausstellung, auf der doch nun einmal Ge-
legenheit gegeben war, die Existenz der handwerk-
lichen Betriebsform zu zeigen, für den Betrachter
das Bild erscheinen mußte, als ob es tatsächlich
kaum noch handwerkliche Betriebsformen gäbe,
sondern nur kleinindustrielle Betriebe, die Hand-
arbeit noch anwenden, nicht aus Überzeugung, son-
dern in Ermangelung von maschineller Hilfe. Wir
wollen uns in diesen Streit nicht einlassen und
möchten nur die Frage stellen: können wir von
einer handwerklichen Betriebsform heute reden,
die sich auch im kulturellen Sinn als eine Einheit
fühlt und die kulturell und fortschrittlich wich-
tige Werte in sich trägt? Das Standesbewußtsein
des Handwerkers könnte hier leicht angefühlt
werden, aber dann wäre wieder die Frage zu stel-
len, oh nicht gerade dieses Standesbewußlsein
sich oft in recht altertümlichen Formen ge-

bärdet und der Entwicklung, selbst der wirtschaft-
lichen und technischen, hinderlich ist.
Alles in allem, wir stehen vor dem Ergebnis, daß
die handwerkliche Betriebsform unserer Zeit im
Rahmen der Gütererzeugung ein wichtiges Gebiet
darstellt. Als wirtschaftliche Gruppe fühlt sich
das Handwerk als Einheit. Seine Erzeugnisse
tragen in der Formgestaltung kein einheitliches
Gesicht, sie variieren von der Handwerksarbeit bis
zum maschinellen Produkt. Eine kulturelle Stoß-
kraft auf dem Gebiet der Formgestaltung ist vom
Handwerk als Ganzes nicht zu erwarten.
All diese Einwände mußten einmal gemacht wer-
den, die Schwierigkeiten müssen aufgezeigt wer-
den, wenn man wirklich sachlich und ohne Selbst-
täuschung die Zusammenarbeit aufnehmen will.
Die hier dargelegten Gedankengänge sollen nicht
als die typischen des Werkbunds ausgegeben wer-
den, aber dennoch weiß der Verfasser, daß nam-
hafte Persönlichkeiten in Werkbundkreisen ähn-
lich denken. Auch ein so genauer Kenner gerade
der wirtschaftlichen Bedingtheilen des Handwerks,
wie Freiherr von Pechmann, charakterisiert sehr
glücklich die handwerkliche Betriebsform von
heute als eine Zwischenstufe zwischen handwerk-
lichem und industriellem Beirieb in einem Auf-
satz „Vom Sinn des Handwerks" in diesem Heft.
Um nicht mißverstanden zu werden: es gibt na-
türlich Themen und Gebiete, auf denen der Werk-
bund mit dem Handwerk zusammenarbeiten kann
und muß, aber es handelt sich hier doch, nach
den Beden in Mannheim zu urteilen, um eine ganz
neue Orientierung der Werkbundarbeit, um eine
Bereicherung mit einem wesentlichen Akzent.
Unter welchen Gesichtspunkten diese erfolgen
kann, sollen die folgenden Zeilen zu umschreiben
suchen.

Das „Für".

In den bisherigen Ausführungen haben wir ge-
sehen, daß, wenn man unter dem Handwerk mehr
das wirtschaftliche Betriebsgebilde ins Auge faßt
und den Werkbund ganz im Sinn seiner bisheri-
gen Entwicklung als eine Geistesrichtung an-
spricht, die immer am stärksten mit den fort-
schrittlichen und revolutionärsten Strömungen
einig geht, man eine Zusammenarbeit nirlil als
sehr vielversprechend ansehen muß. Nun sind aber
doch tatsächlich in beiden Referaten Ideengänge
aufgezeigt worden und auf bestimmte Momente
hingewiesen worden, die ein starkes inneres Zu-
sammengehen fordern.

Es wurde nicht gerade ausgesprochen, aber es
klang doch aus den Ausführungen der Werkbund-
leule immer wieder durch, daß es dem Werkbund
weniger auf die wirtschaftlichen als auf die kul-
turellen Momente ankomme. Und das, was Dr.
Riezler als kulturell wichtig aus dem Handwerk
herausgezogen und beleuchtet hat, bezieht sich
durchweg auf das Handwerk im objektiven Sinn.
So. wenn er das Handwerk als eine Art Muller-
boden für alles Qualilätsgefühl angesprechen hat.
Dr. Meusch hat gerade diese Haltung sehr wohl

345
loading ...