Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Das Wohnen, der Raum und die Zeit

Rede, gehalten zur Einweihung des Hauses auf dem Küssel in Potsdam
PAUL TILLICH

Liebe Freunde!

Vom Wohnen, vom Raum und der Zeit wollen wir reden.
Drei Begriffe sind in diesem Thema verbunden, von denen
zwei, Raum und Zeit, Ergebnisse höchster philosophischer
Abstraktion sind, während der dritte, das Wohnen, konkrete,
lebensnahe Wirklichkeit bezeichnet. Die Verbindung des einen
mit dem anderen scheint der Würde und Lebensferne der
Philosophie zu widersprechen. Aber sie widerspricht eben nur
einer lebensfernen Philosophie, nicht der Philosophie selbst.
Philosophie hat es nicht, wie man oft meint, mit dem All-
gemeinen, Abstrakten, Jenseitigen, zu tun, sie ist nicht eine
Sache in sich bleibender Spekulation oder mystischen Tief-
sinns, sondern sie ist Deutung des Nächsten, des Konkreten,
des Alltäglichen. Denn im Nächsten, im Alltäglichen, im schein-
bar Kleinen steckt in Wahrheit das Metaphysische; das Jetzt
und Hier ist der Ort, wo sich der Sinn erschließt, wo unsere
Existenz Deutung finden muß, wenn sie überhaupt Deutung
finden kann. — So etwas Nächstes, Alltägliches, den großen
Dingen gegenüber scheinbar Kleines ist das Wohnen, ist der
Raum des Wohnens. Er ist die erste und unmittelbarste Be-
ziehung, die der Mensch zum Raum überhaupt hat. In ihr
schafft er sich den Raum, der sein Raum ist. Und erst von
seinem Raum aus kann er vorstoßen in den Raum überhaupt,
in den unendlichen Raum.

Wenn darum eine Gemeinschaft von Menschen, wie es hier
geschehen ist, ein Haus umgewandelt hat in den Raum ihres
gemeinschaftlichen Lebens, so ist es sinnvoll, solchem Raum
Weihe zu geben, durch Worte, die das Wohnen in seiner
Bedeutung für unser menschliches Sein, für unser Raum-Haben
und Raum-Schaffen kennzeichnen. Der starke architektonische
Wille, der diese Räume geschaffen hat, sie durchgebildet hat
von einer Idee aus, im großen und im kleinen, verdient es,
gedanklich erfaßt und hineingestellt zu werden in über-
greifende Zusammenhänge. Von Raum wollen wir reden. Weil
aber unser Stehen im Raum immer auch ein Stehen in der
Zeil ist, und Raum und Zeit sich treffen, aber auch miteinander
ringen, so wird die Betrachtung des Raumes uns schließlich
über sich hinausführen zu der Betrachtung der Zeit und mit
ihr zu den Grenzen alles Raumschaffens.

I.

Raum ist kein Ding, auch kein Behälter, in dem Dinge sind,
sondern Raum ist die Art des Lebendigen, zur Existenz zu
kommen. Raum ist Raummächtigkeit, Macht des Leben-
digen, sich Raum zu schaffen. Es gibt keinen Raum
an sich, sondern es gibt so viel Arten von Raum, wie es Arten des
Lebendigen gibt, sich Raum zu schaffen, und d. h., wie es Arten
des Lebens gibt, Wirklichkeit zu werden. An seiner Räumlich-
keit ist alles Lebendige, ist auch das Menschliche erkennbar.

Das erste, unmittelbar einleuchtende Merkmal des Raumes
ist das Nebeneinander. Ein Ding erfüllt diesen Raum und
ein anderes einen anderen Raum. Sie stehen nebeneinander
und eines schließt das andere aus. Eins bewegt das andere

durch Druck und Stoß, von außen her; eine innere Einheit
des Raumes gibt es hier nicht. Die Macht, sich Raum zu
schaffen, hat in dieser Sphäre den Charakter der Raum-
erfüllung, die Undurchdringlichkeit, das Stehen in sich und
Abwehren jedes anderen, die Härte und das Gegenüber. In
der raumerfüllenden Kraft einer Gebirgswand kann die Mächtig-
keit des Seienden auf dieser Stufe angeschaut werden. Die
Undurchdringlichkeit und Härte jeder Wand eines Hauses zeugt
von dem gleichen Sein. Wir nennen es das Sein des An-
organischen, dessen Merkmal, die Raumerfüllung und das
Gegeneinander, hineinragt noch in die höchsten Formen des
Sich-Raum-Schaffens.

Aufgehoben ist das starre Gegeneinander der Raumerfüllung
im vegetativen Raum, im pflanzlichen Sein, wo die Erfüllung
erhöht wird zur Entfaltung. Statt des Nebeneinander ein
Vorstoßen über sich hinaus, ein Sich-Ausbreiten, das doch nie
zu einer Trennung wird; eine Einheit, eine Sympathie verbindet
alle Seiten des entfalteten pflanzlichen Seins. Der Raum ist
gleichsam auf einen Punkt konzentriert, und doch wieder ent-
faltet in einer Breite. Der Lebensprozeß des Wachstums be-
deutet gegenseitige Durchdringung alles dessen, was zugleich
nebeneinander ist. Es ist nicht ein anderes Gebilde im gleichen
Raum wie das Anorganische, sondern es ist ein anderer Raum,
den sich das Lebendige schafft.

Das gleiche gilt für die nächste Stufe, den Bewegungs-
raum, die Sphäre des Animalischen. Die Erfüllung und Ent-
faltung bleiben erhalten, aber hinzu kommt die Bewegung. Das
Tier nimmt den fernen Raum, auf den es zugeht, in sich selbst
in seiner Erwartung voraus. Es durchbricht die vegetative
Bodengebundenheit, es stößt vor in Räume, die nicht unmittel-
bar angrenzen. Zugleich aber entwickelt sich im Tier der
Gegenpol, die Sehnsucht nach dem eigenen begrenzten Raum,
dem Nest und der Höhle. Dem entspricht, daß das höhere
Tier in den Raum hineingeworfen wird durch die Geburt, d. h.
durch das Ausgestoßenwerden aus dem ursprünglich tragenden,
begrenzenden Raum des Mutterleibes. In der Sehnsucht nach
Nest und Höhle drückt sich zugleich der Trieb aus, zurück-
zukehren zu dem umfangenden tragenden Raum.

Der Mensch schafft sich Raum in allen Formen, die bisher
genannt waren. Darüber hinaus aber geht er in doppelter
Richtung, äußerlich und innerlich. Äußerlich dadurch, daß er
auch den begrenzten Bewegungsraum, an den das Tier, selbst
das weit wandernde Tier gebunden bleibt, überwindet. Der
Mensch durchbricht jede Raumgrenze, er schafft sich den un-
endlichen Raum, gemäß der Macht seines Seins. Der
Raum an sich ist weder endlich noch unendlich. Ein endlicher
wie ein unendlicher Raum als Ding sind Undinge, sind Wider-
sinn. Unendlich ist der Raum, weil die menschliche Art des
Sich Raum-Schaffens Durchbrechung jeder endlichen Grenze ist.
Endlich ist der Raum, weil der Mensch jeweils einen begrenzten
Raum hinstellt, in dem er bleibt und von dem aus er vorstößt
ins Unendliche. Endlichkeit und Unendlichkeit des Raumes sind

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