Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

Page: 50
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1933/0060
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Elektrische Gruppe. Architekt Raymond Hood, New York

barer Nähe des Chicagoer Stadtzentrums — in wenigen
Minuten erreicht man vom Michigansee den Michigan-
boulevard, die große Chicagoer Prachtstraße — und zugleich
am Ufer des Sees, zum Teil auch auf Inseln im Michigansee.
Die bedeutendsten amerikanischen Architekten sind beauftragt
worden, Entwürfe für die Ausstellung zu liefern. Die meisten
haben dann auch Bauaufträge erhalten. So geht das Ver-
waltungsgebäude, das zuerst fertig wurde, auf die Chicagoer
Architekten Holabird und Root zurück, die ja auch sonst die
meist beschäftigten Architekten Chicagos sind. Die Gruppe der
elektrischen Gebäude stammt von Raymond Hood in New York,
die Halle der Wissenschaft von Paul Cret in Philadelphia, eine
weitere Baugruppe von H. W. Corbett in New York. Dagegen
ist Frank Lloyd Wright nicht beschäftigt worden. Er konnte
sich angeblich nicht damit abfinden, daß neben seiner eigenen
Geschmacksrichtung auch noch andere auf der Ausstellung
vertreten sein sollten. Im übrigen aber herrscht die moderne
Richtung unter den amerikanischen Architekten durchaus vor.
Manchmal vielleicht zu stark, d. h., es entsteht der Eindruck,
als ob die amerikanischen Besucher der Ausstellung, die schon
jetzt zu Hunderten und Tausenden kommen, nicht immer etwas
Rechtes mit den Bauten dieser Modernisten anzufangen
wüßten. Modern wird vielfach nur deshalb gebaut, weil es
nun einmal so die große Mode ist und man ja auch von
Europa her immer wieder hört, daß die Zeit der historischen
Stilarten endgültig zu Ende sei.

Daneben ist freilich auch der Traditionalismus noch durchaus
nicht tot. Die bloße Tatsache, daß ein Architekt wie Corbett
einen der Hauptaufträge erhielt, ist der beste Beweis dafür.
In den Drucksachen der Ausstellung ist ferner zu lesen, daß
„römische Gärten" angelegt werden sollen, die „einen
modernen Eindruck von den unsterblichen Gärten der Villa
D'Este in Tivoli bei Rom vermitteln" sollen. Was immer diese
Ankündigung bedeutet, mag dahingestellt sein. Sie ist auf
jeden Fall für altertümlichere Geschmacksrichtungen kenn-
zeichnend, die ebenfalls bei der Weltausstellung berücksichtigt
sein wollen. Auch alle möglichen architektonischen Remi-
niszenzen aus der Geschichte des amerikanischen Volkes

werden auf der Ausstellung zu sehen sein. Es ist also ein
vielgestaltiges Bild, das sich zunächst noch dem Betrachter
bietet. So erfreulich es sein mag, daß sich die Mehrzahl der
Ausstellungsarchitekten zu modernen Auffassungen hindurch-
gefunden hat, so ist es doch vorläufig keineswegs so weit,
daß man schon von einem Endsieg des Modernismus sprechen
könnte. So manche Hemmungen konnten noch nicht einmal
bei dieser Weltausstellung, die naturgemäß besonders auf
Fortschritt eingestellt ist, überwunden werden. Dr. Sch.

Travel- and Transportbuildung. An Drahtseilen aufgehängte Kuppelkonstruktion.

50
loading ...